Auch der HDE sehe die "rückläufige Tarifbindung im Einzelhandel mit großer Sorge", weil dies die Gestaltungsfähigkeit der Tarifpartner einenge, sagt Wohlfeil. Allerdings könne "von Lohndumping und einem Niedriglohnsektor keine Rede sein". Der durchschnittliche Bruttoverdienst pro Stunde im Einzelhandel sei zwischen 2013 bis 2016 um 8,8 Prozent gestiegen. "Im gleichen Zeitraum sind die Tariflöhne nur um 7,6 Prozent angehoben worden", sagt Wohlfeil. Offensichtlich orientierten sich die Unternehmen, die nicht unmittelbar tarifgebunden seien, an den Tarifabschlüssen. Mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 16,91 Euro sei der Handel im Übrigen weit entfernt vom Mindestlohn.

Vorwürfe gegen Edeka

Wenn aber wichtige Mitglieder im Handelsverband eine Allgemeinverbindlichkeit aus Wettbewerbsgründen unterstützen und der HDE seinen Mitgliedern folgt, wer stellt sich gegen eine solche Regelung? Hinter vorgehaltener Hand hört man in der Branche, dass vor allem der größte Lebensmittelhändler in Deutschland dagegen ist: der Edeka-Verbund mit seinen 4.000 selbständigen Kaufleuten und insgesamt mehr als 11.200 Märkten. Gerade diese selbständigen Kaufleute würden ihre Mitarbeiter unter Tarifniveau bezahlen, sehr häufig gebe es nicht einmal einen Betriebsrat in den kleinen Unternehmen. Außerdem zeige sich die Tendenz, dass feste Filialen des Unternehmens in selbständige Betriebe umgewandelt würden, um sie aus der Tarifbindung herauszulösen und der Mitbestimmung durch Betriebsräte zu entziehen.

Die Edeka-Zentrale rechtfertigt sich auf Anfrage mit ihrer historisch gewachsenen Struktur, "die allermeisten Märkte" seien "in Familienhand – zum Teil bereits in zweiter oder dritter Generation", sagt ein Unternehmenssprecher. "Zahlreiche mittelständische Einzelhandelsbetriebe im Edeka-Verbund unterliegen zwar keiner Tarifbindung, dennoch bezahlen viele Betriebe branchenüblich und bieten darüber hinaus individuelle übertarifliche Leistungen." Die Kaufleute würden eine leistungsgerechte Entlohnung bieten, die oftmals über branchenüblichen Anforderungen liege. Eine unabhängige Studie habe außerdem gezeigt, dass bei der Übertragung von Edeka-Märkten auf selbstständige Kaufleute die guten Arbeitsbedingungen erhalten blieben.

Es hängt nun viel davon ab, wie viel Druck in der Branche entsteht, sowohl zwischen den unterschiedlichen Unternehmen, als auch von den Beschäftigten auf die Unternehmen. Klar ist aber, im Handel ist etwas in Bewegung geraten.