Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

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Den Tag, an dem Reinhard Gronau spürte, dass nun alle verrückt geworden sind in Blexen, kann er noch genau erinnern. Es war der 6. März 2016, ein Sonnabend. An diesem Tag las Gronau in der Zeitung, dass die Pappeln, mit denen er groß geworden war, gefällt waren. Bäume, die schon dort standen, als Gronau, 59 Jahre alt, noch ein paar Kilometer südlich zur Grundschule ging.



Gronau fuhr als Schüler mit dem Rad über den Deich. Die Pappeln standen da. Er bolzte mit seinen Kumpels auf dem Sportplatz, die Pappeln spendeten Schatten. Das Chemieunternehmen Kronos baute eine Fabrik. Die Pappeln wurden zum Sichtschutz. Er heiratete seine Frau Margarete und zog nach Blexen, die Pappeln wuchsen weiter. Er ließ seine beiden Kinder in der Blexener Kirche taufen, die Pappeln standen da. Sie gehörten zu Blexen wie der Deich, das Meer und der Fähranleger.



Dann kam der Unternehmer Claus Albers. Und die Pappeln waren weg. Da wo sie standen, blickt Gronau heute auf das Stahlskelett einer Lagerhalle und auf Bauarbeiter, die ein Gewerbegebiet erschließen. Mit jedem Liter Beton, der in das Fundament für die Lagerhallen gegossen wurde, wuchs der Widerstand im Dorf gegen den Mann, der das zu verantworten hat. Jeder siebte Bewohner Blexens ist der Bürgerinitiative seit der Gründung im vergangenen Sommer beigetreten. Gronau, ein Angestellter der Stadt Bremen, ist ihr Sprecher.
 

Reinhard Gronau - "Wir wurden nicht rechtzeitig informiert"


Wer ein Gefühl dafür bekommen will, wie Stuttgart 21 derart eskalieren konnte, ist in Nordenham derzeit ganz gut aufgehoben. Da wird mit Halbwahrheiten um sich geworfen, wortgewaltig argumentiert und die beteiligten Parteien sind derart zerstritten, dass keine Seite zum Hörer greift, um die andere mal anzurufen. Es ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn Bürger sich nicht rechtzeitig dafür interessieren, was in ihrer Nachbarschaft passiert und dass sich Widerstand auch dann noch lohnt, wenn es fast schon zu spät ist. Es zeigt sich aber auch, dass das Klischee vom bösen Unternehmer am Ende nicht so stimmig ist, wie es die aufgebrachten Bürger bereitwillig verbreiten. Und wie bei Stuttgart 21 spielen Bäume eine Hauptrolle. 

Aber von Anfang an.

 Man darf sich Nordenham, 27.000 Einwohner, Tendenz sinkend, nicht als Paradies am Meer vorstellen. Die industriell geprägte Stadt am gegenüberliegenden Weserufer Bremerhavens erlebte in den vergangenen 20 Jahren das Schicksal vieler deutscher Orte. Es gibt in der Innenstadt Kneipen und Geschäfte, die stehen seit über zehn Jahren leer. Nur der Paketbote klagt über Rückenschmerzen, während die Postfiliale ausgedünnt wird.



Die Kneipe Eldorado am Bahnhof von Nordenham © Lucas Wahl für ZEIT ONLINE

Als der damalige Bürgermeister Hans Francksen (SPD) im Jahr 2008 sein Amt antrat, wollte er der Austrocknung der Stadt etwas entgegensetzen. Neue Fabriken sollten im Blexener Gewerbegebiet entstehen, neue Arbeitsplätze sollten ihren Sog entfalten. Mehr Jobs, mehr Geld, mehr Einkäufer, mehr Geschäfte sollten nach Nordenham kommen. 

Francksen, 65, stürzte sich in die Arbeit. Ihm gelang es, das Stahlwerk Dillinger Hütte für den Standort Blexen zu begeistern. 300 Arbeitsplätze entstanden. Künftig sollten bis zu 120 Meter lange Stahlrohre für die Fundamente von Offshore-Windkraftanlagen, die weit vor der Küste ins Meer gerammt werden, in Nordenham gebaut werden.



"Gute, saubere Arbeitsplätze"

Und Francksen wollte mehr. Er versprach den Bürgern weitere "gute, saubere Arbeitsplätze" und einen Naturpark als Puffer zwischen dem Dorf und den Industrieflächen. Die Stadt investierte dafür bis an den Rand ihrer Möglichkeiten: zum Beispiel in eine gut einen Kilometer lange Straße, die das Gewerbegebiet in Blexen erschließen sollte. 8,5 Millionen Euro sind es am Ende geworden, nur ein knappes Viertel davon übernahm das Land. Und das bei einem Haushalt, der so klamm ist, dass der Landrat den ersten Entwurf 2017 nicht genehmigt hat.



Der Bürgermeister verhandelte mit Siemens über die Ansiedlung einer neuen Fabrik. Doch der Münchener Konzern entschied sich für ein Werk im 40 Kilometer nördlich gelegenen Cuxhaven und investiert dort 200 Millionen in die Endmontage von Generatoren. Immerhin erweiterte die Dillinger Hütte ihre Flächen noch ein wenig, auch der Stahl- und Metallbaubetrieb Fechner expandierte.



Blick auf den Industriepark Blexer Groden © Lucas Wahl für ZEIT ONLINE

Francksens Umtriebigkeit kam gut an in Blexen. Im Dorf glaubte man ihm sein Mantra von den umweltfreundlichen Arbeitsplätzen in der Windkraft. Auch Reinhard Gronau las Francksens Versprechen in der Zeitung mit Wohlwollen. "Wir hätten zwar lieber weiter auf die grüne Wiese geguckt, aber Rotorblätter klangen erst mal sauber und wenn ganz Nordenham profitieren sollte, wollten wir uns dem nicht verschließen. Wir sind ja nicht per se industriefeindlich", sagt Gronau.