Glaubt man den politischen Parteien, dann scheint die Steuerlast in Deutschland ungerecht verteilt zu sein. Sie überbieten sich im Bundestagswahlkampf mit Versprechen von Steuererleichterungen an ihre Wähler oder mit Forderungen nach Steuererhöhungen für Reiche. Die hohen fiskalischen Überschüsse von fast 24 Milliarden Euro im vergangenen Jahr haben Begehrlichkeiten geweckt. Der Bundestagswahlkampf wird wohl in den kommenden Monaten immer mehr zu einem Steuerwahlkampf. Gibt es dafür einen guten Grund, wie sieht die Steuerbelastung für die Menschen wirklich aus?

Das deutsche Steuersystem beruht auf dem Grundprinzip der Leistungsfähigkeit. Menschen mit hohen Einkommen aus Arbeit und Kapital sollen demnach einen höheren Anteil ihres Einkommens zum staatlichen Steueraufkommen leisten – Steuern sollen prinzipiell progressiv sein. Das heißt, sie sollen prozentual mit dem Einkommen steigen.

Aber wie progressiv ist das deutsche Steuersystem wirklich? Veranschaulicht in einer Grafik liefert die Studie meines DIW-Kollegen Stefan Bach und seiner Co-Autoren vom IW Köln und der FU Berlin dazu die Antwort. Zu entnehmen ist, welche Prozentanteile des gesamten Haushaltseinkommens für welche Steuern und Abgaben aufgebracht werden. Die Haushalte mit den geringsten Einkommen werden links, die mit den höchsten ganz rechts in der Grafik gezeigt.

Der "Wal in der Badewanne"

Diese Grafik hat den Spitznamen "Wal in der Badewanne" bekommen. Die Badewanne zeigt die Summe der indirekten Steuern und der direkten Steuern. Der Wal veranschaulicht die Sozialbeiträge. Für viele ist der "Wal in der Badewanne" ein überraschendes Bild, denn offensichtlich ist das Steuersystem Deutschlands weit weniger progressiv als von vielen angenommen.

Dabei ist es wichtig, zwischen direkten Steuern (Einkommen- und Unternehmensteuern) und indirekten Steuern (Mehrwertsteuer, Versicherungsteuer, Energiesteuern, Tabak-, Alkohol- und Wettsteuern, Grundsteuer, Kfz-Steuer und sonstige Steuern) zu unterscheiden. Die Abgaben für Sozialbeiträge (unterteilt in Anteilen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einerseits und der Arbeitgeber andererseits) sind dagegen keine Steuern, denn Menschen erwerben hierfür eine Versicherungsleistung, also Forderungen an den Staat.

Die indirekten Steuern spielen im Wahlkampf kaum eine Rolle

Das Bild zeigt deutlich, dass die Einkommen- und Unternehmensteuern deutlich progressiv sind. Fast der gesamte Anteil dieser direkten Steuern wird von der reichsten Hälfte der Haushalte bezahlt. Einige Politiker prangern diese Progressivität an und fordern niedrigere Einkommensteuersätze, was aber nach fast allen Vorschlägen der politischen Parteien vor allem den Besserverdienenden zu Gute kommen würde.

Die indirekten Steuern spielen im Wahlkampf hingegen meist gar keine Rolle. Dabei sind gerade sie das Gegenteil von progressiv, nämlich degressiv: Menschen mit geringen Einkommen wenden einen sehr viel höheren Anteil ihres Einkommens für indirekte Steuern auf als Menschen mit hohen Einkommen. So zahlt beispielsweise ein Haushalt in der Gruppe der 10 Prozent mit den niedrigsten Einkommen mehr als 20 Prozent seines Einkommens als indirekte Steuern an den Staat. Ein Haushalt, der zu den oberen 10 Prozent gehört, zahlt dagegen knapp 8 Prozent seines Einkommens als indirekte Steuern.

Das ist eigentlich wenig überraschend, denn Menschen mit geringen Einkommen können kaum etwas sparen und brauchen diese fast ausschließlich, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Bei einem Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent auf die meisten Güter und Dienstleistungen (mit zahlreichen Ausnahmen wie bei Lebensmitteln) bedeutet dies nun mal, dass hier ein signifikanter Teil des Einkommens in indirekte Steuern fließt. Die Konsumquote von Menschen mit hohen Einkommen dagegen ist viel geringer, sodass die indirekten Steuern hier einen deutlich niedrigen Anteil ausmachen.