Im Gesamtbild aber sind direkte Steuern und indirekte Steuern fast gleich wichtig: Der deutsche Staat nimmt jedes Jahr knapp 380 Milliarden Euro durch Einkommen- und Unternehmensteuern und 330 Milliarden Euro durch indirekte Steuern ein.

Die zwei Arten von Steuern sind jedoch sehr ungleich zwischen dem Einkommensgruppen verteilt. So zahlen die 10 Prozent einkommensstärksten Haushalte 60 Prozent der gesamten Einkommensteuer, aber nur 20 Prozent aller indirekten Steuern. Die unteren 50 Prozent der Einkommensverteilung zahlen 4 Prozent der gesamten Einkommensteuer, aber immerhin 36 Prozent des gesamten indirekten Steueraufkommens.

Die gesamten Abgaben sind in Deutschland nicht durchgehend progressiv. Menschen am unteren Ende der Einkommensverteilung haben nur eine leicht geringere Steuerbelastung als Menschen am oberen Ende. So ist das Steuersystem in Deutschland gar degressiv bis zum 20. Perzentil der Einkommensverteilung. Danach bleibt die steuerliche Belastung bis hin zum Medianeinkommen bei knapp 18 Prozent konstant und steigt danach erst langsam an.

Wer wenig verdient, wird prozentual höher besteuert

Auch für Haushalte mit relativ hohen Einkommen ist die gesamte Steuerbelastung geringer als von vielen wahrgenommen. So zahlt ein Haushalt aus den 10 Prozent einkommensstärksten (ab dem 90. Perzentil) knapp 25 Prozent seines Einkommens an Steuern. Dies ist nur geringfügig mehr als die 20 Prozent, die ein Haushalt mit den 10 Prozent der niedrigsten Einkommen (10. Perzentil) durchschnittlich an Steuern zahlt.

So ist das deutsche Steuersystem also weder durchgehend progressiv, noch ist es für Menschen mit hohen Einkommen stark progressiv. Nur für die Menschen unter den 5 Prozent einkommensstärksten Haushalten (ab dem 95. Perzentil) steigt die Steuerbelastung recht stark an, wenn sie in eine noch höhere Einkommensgruppe aufsteigen.

Fast durchgehend progressiv dagegen sind die Sozialbeiträge, also gesetzliche Versicherungen für Rente, Gesundheit und Pflege, zumindest bis zu den 15 Prozent einkommensstärksten Haushalten (85. Perzentil), wo dann die Beitragsbemessungsgrenze wirksam wird. Es ist wichtig, die Sozialbeiträge von Steuern zu unterscheiden, denn durch Sozialbeiträge erwerben Menschen direkt Ansprüche an den Staat. So soll das Äquivalenzprinzip der gesetzlichen Rentenversicherung sicherstellen, dass jeder eingezahlte Euro auch die gleichen Rentenansprüche erzielt, unabhängig vom Einkommen des Haushalts. Dies gilt jedoch nicht, oder zumindest sehr viel weniger, für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung, sodass die Sozialbeiträge sehr wohl eine Verteilungswirkung von oben nach unten haben.

Das deutsche Steuersystem insgesamt betrachtet ist also alles andere als stark progressiv, zumindest wenn man die indirekten Steuern berücksichtigt. Vor allem Menschen im unteren Viertel der Einkommensverteilung erfahren eine degressive Besteuerung – für sie geht ein geringeres Einkommen mit einer prozentual höheren Besteuerung einher.

Indirekte Steuern müssten progressiv gestaltet werden

Würden die Einkommensteuersätze verändert, könnte man damit die Menschen mit geringen Einkommen nicht entlasten, denn sie zahlen kaum oder keine Einkommensteuer. Ein Absenken der Mehrwertsteuer oder anderer indirekter Steuern, wie der EEG-Umlage, wäre hier der bessere Ansatz. Für Menschen mit mittleren Einkommen würde eine Reduzierung der relativ hohen Sozialbeiträge helfen, wogegen Menschen mit hohen Einkommen am ehesten von einer geringeren Einkommen- und Unternehmensbesteuerung profitieren würden.

Es gibt keine überzeugenden Anzeichen, dass das deutsche Steuersystem für die Mehrheit der Deutschen besonders ungleich ist – mit der wichtigen Ausnahme der 25 Prozent der Geringverdiener. Sie werden steuerlich relativ stark belastet. Aber diese Botschaft hört keine der politischen Parteien gerne, da sie schwer in Einklang mit der von vielen praktizierten Klientelpolitik zu bringen ist.