Was bleibt den Briten, die nicht von Europa lassen wollen, jenen 48 Prozent, die gegen den Brexit waren? Ihnen bleiben die scharfsichtigen Analysen und Kommentare des Zeithistorikers Timothy Garton Ash. Er nennt sich einen englischen Europäer, in seinen Kolumnen im britischen Guardian oder in der New York Review of Books spricht er für das liberale Großbritannien. "Es ist wie mit der Gesundheit", sagt Ash über die EU, "man schätzt sie erst, wenn man sie verloren hat."

Jetzt trennt sich seine britische Heimat von der Europäischen Union und der europäische Engländer Ash hat für sein Werk den Aachener Karlspreis für die Einheit Europas bekommen. Ash war in den siebziger Jahren als Doktorand ins geteilte Berlin gekommen und begann damals, über die Spaltung Europas in Ost und West zu schreiben. Seine Bücher werden weltweit gelesen.

Ash hat zum Gespräch in eine stille neogotische Backsteinvilla nach Oxford eingeladen. Es ist das Zentrum für Europäische Studien des St Anthony's College, an dem er das Dahrendorf-Programm zum Studium der Freiheit leitet. Ralf Dahrendorf, der große deutsche Liberale, war zehn Jahre lang Rektor des St Anthony's College. Nun ist Ash der große britische Liberale. Ashs Mitarbeiterin, Forschungsgebiet Gesundheitspolitik in Osteuropa, bringt mich über ausgetretene Holzstufen in den Senior Common Room im ersten Stock.

Größte politische Niederlage

Ash ist ein zierlicher Mann, elegant und von verhaltener Intensität. Hinter dem akkurat gestutzten rötlich-grau melierten Vollbart lässt er zuweilen ein dünnes Lächeln ahnen. Die hellbraunen Augen schießen seinen Gedanken kleine Pfeile voraus.

Ash fragt, ob wir Deutsch oder Englisch sprechen wollen, und entscheidet: Deutsch. Er spricht gewandt und nahezu akzentfrei. Nur ein einziges Mal fragt er dem exakten Wort, an dessen Klang er sich erinnert: "Bannbreie des Denkens", ob es das gebe? Die Bandbreite im Denken über Europa fehle, das hatte er gesucht.

Der 61-Jährige hat leidenschaftlich dafür plädiert, dass Großbritannien seinen Platz in der EU nicht aufgibt. Dass seine Landsleute sich anders entschieden haben, hat er als größte politische Niederlage bezeichnet.

So nah wie möglich am Kontinent bleiben

Im Gespräch jedoch vermeidet er jede Spur von Resignation. Nein, sagt er, die Pro-Europäer hätten nicht versagt. Sie hätten nur nicht gewonnen. Es hätte durchaus anders kommen können. Wenn die Labour-Partei einen besseren Führer gehabt hätte. Oder wenn Boris Johnson nicht zur Brexit-Seite übergelaufen wäre. Oder auch, wenn die anderen europäischen Staaten David Cameron mehr entgegengekommen wären.

Und nun? Wächst das Land nach dem Referendum, das es in der Mitte zwischen Gehen und Bleiben getrennt hat, wieder zusammen, wie Premierministerin Theresa May behauptet? An dieser Stelle schnaubt Ash, sonst bedacht und kontrolliert, kurz auf. "Ach was! Ach Quatsch!", ruft er. "Das stimmt überhaupt nicht. Im Gegenteil! Das Land wird zerteilt durch dieses Thema." Aber achtet sorgfältig darauf, dass die Vernunft Oberhand behält. Er ist eben kein Remoaner, wie die Brexit-Anhänger ihre Gegner verächtlich nennen, den Austritt Großbritanniens aus der EU sentimental Beklagende.

Ashs Europaliebe ist von klarem Verstand gesteuert. Jetzt gehe es darum, das zu erreichen, was im Jargon weicher Brexit heiße, sagt er: "Wir müssen darauf hinwirken, so nah wie möglich am Kontinent zu bleiben."