Als im Februar weite Teile des Internets für mehrere Stunden ausfielen, traf das viele einflussreiche Seiten. Das Frage-und-Antwort-Forum Quora mit hundert Millionen Nutzern im Monat war offline; das tonangebende Blogportal Medium ebenso. Nachrichtenseiten wie Vox und Technologieblogs wie The Verge konnten ihre Artikel nicht mehr bebildern. Die Musikstreamingseite Soundcloud und der Kommunikationsdienst Slack gerieten ins Stocken. Thermostate und Klimaanlagen, die sonst mit dem Internet kommunizieren, um die Wärme in vernetzten Häusern zu regeln, waren nicht mehr zu kontrollieren. Die Verantwortung für das Chaos aber trug Amazon.

Der US-Internetkonzern gilt vielen noch immer als reiner Onlinehändler. Doch er betreibt die Server, auf denen die Dienste ihre Daten speichern. Ein Mitarbeiter, der am Rechnungssystem des Konzerns arbeitete, hatte versehentlich mehr Server vom Netz genommen als geplant. Es kam zu einem Dominoeffekt, der eine ganze Reihe an weiteren Rechnern offline schaltete. Die Wirkung beschrieb ein verzweifelter Twitter-Nutzer so: "Stellen Sie sich vor, Sie wollen Kaffee machen, aber jemand greift sich die Kaffeemaschine und schmeißt sie auf den Boden." Ein anderer schrieb: "Es ist einer dieser Momente, in denen man versteht, wie viele Teile des Internets über Amazon laufen."

Seit 23 Jahren gibt es Amazon. In der Zeit hat Gründer und Konzernchef Jeff Bezos seinen Internetkonzern zum allumfassenden Dienst ausgebaut, der Einfluss auf alle möglichen Lebensbereiche nimmt. Längst ist Amazon auch im Kreditgeschäft tätig, produziert eigene Serien und Kinofilme, oder liefert Essen. In Deutschland können Kunden von Amazon Prime neuerdings Magazine zur Flatrate lesen, in den USA tritt der Konzern seit Jahren als Verlag auf.

Und auch der Politik ist die Macht des Konzerns bewusst: 2013 erwarb Amazon-Chef Bezos die Washington Post, die größte Tageszeitung der US-Hauptstadt, allerdings als Privatmann. Trotzdem bezeichnete Donald Trump am Mittwoch die Zeitung in einem Tweet als "#AmazonWashingtonPost". Dem US-Präsidenten zufolge zahle der Konzern keine Internetsteuern und werde in dieser Steuerpraxis von der Washington Post geschützt.

Auch aus Sicht Wissenschaft hat der Konzern eine herausgehobene Rolle. Amazon sei die "bahnbrechendste Firma in der größten Volkswirtschaft der Welt", sagt der Wirtschaftsprofessor Scott Galloway von der New York University. Das Unternehmen aus Seattle werde als erster Konzern, noch vor Apple, eine Börsenbewertung von einer Billion Dollar erreichen.

Amazons Server ermöglichen den Technologieboom

Dabei steuert keine Sparte mehr zum Gewinn des Konzerns bei als das Geschäft mit den Servern. Amazon Web Services ermöglicht es Firmen und Entwicklern, die Rechenkraft auszulagern und sich auf ihre Ideen zu konzentrieren. Knapp 150.000 verschiedene Webseiten laufen über die Rechner des Konzerns. Zu den Kunden gehören Instagram, Spotify, Airbnb und Netflix. Im vergangenen Jahr brachte die Sparte mehr als 12 Milliarden Dollar ein, ein Wachstum von 55 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Marktanteil ist mit 40 Prozent fast doppelt so groß wie jener der nächsten drei Anbieter zusammen – immerhin Microsoft, Google und IBM. Der Dienst sei möglicherweise das wichtigste Puzzlestück des modernen Technologiebooms, schrieb das Magazin The Atlantic schon 2015: "Das einzige Produkt, das in der Bedeutung annähernd ähnlich groß ist, ist das Smartphone."

Amazon greift auch andere Netzgiganten an. Google zum Beispiel, das vielen noch immer als die wichtigste Suchmaschine gilt, wird inzwischen selbst in seinem Kerngeschäft von dem Konkurrenten aus Seattle überholt. 55 Prozent aller Produktsuchen im Netz starten heute direkt auf den Seiten von Amazon. Im vergangenen Jahr nahm der Konzern geschätzte 1,2 Milliarden Dollar mit Werbung ein, das sind 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Zwar steht das Geschäft noch am Anfang, verglichen mit den 80 Milliarden von Google und knapp 28 Milliarden von Facebook. Doch langfristig könnte Amazon mit seiner Plattform laut Branchenkennern zur ernsthaften Gefahr für die Platzhirsche im Werbegeschäft werden. In wenigen Jahren, glaubt Scott Galloway, würden wir alles auf Amazon kaufen.

Um diesem Ziel näher zu kommen, schnürt Jeff Bezos seinen Kunden ein immer verlockenderes Paket, das sie an das Unternehmen binden soll. Wer heute die 99 Dollar Jahresgebühr für Amazon Prime bezahlt, der erhält nicht nur kostenfreie Lieferungen, sondern genießt auch ein unbegrenztes Angebot an Musik, Serien und Filmen.