Die schlechten Nachrichten über den Großbrand im Londoner Grenfell Tower wollen nicht enden. Die Zahl der Toten ist inzwischen auf 79 gestiegen. Regierung und Behörden versuchen die britische Öffentlichkeit zu beruhigen, vor allem die gerade noch mit dem Leben davongekommenen Bewohner und Nachbarn dieses Infernos.

Eine ganze Anzahl von Untersuchungen und Ausschüssen soll jetzt die Hintergründe des Brandes von Nord-Kensington aufdecken. Fraglich ist nur, ob die Politik am Ende der Untersuchungen einräumen wird, dass der Hochhausbrand eben nicht nur ein Zusammentreffen unglücklicher Zufälle war. Ob sie eingestehen wird, dass strengere Feuerschutzvorschriften, die dem Staat und Unternehmen mehr Kosten aufgebürdet hätten, von der konservativen Regierung systematisch hinausgezögert wurden.   

Das Problem in Großbritannien ist, dass die Formulierung härterer Richtlinien für den Bau und Betrieb von Hochhäusern, wie sie Deutschland im Jahr 2008 erließ und 2012 aktualisierte, hier in der Konsequenz nie stattgefunden hat. Gleichzeitig aber ist die Feuergefahr in Großbritannien größer.

Sozialwohnungen kostengünstig aufwerten

Im Kern geht alles auf eine Lockerung der Bauvorschriften in den 1980er Jahren zurück. Bis 1984 galten in Großbritannien recht strenge Bauvorschriften, die mit ihren Anforderungen an die Raumaufteilung von Gebäuden die Feuergefahr zwar reduzierten, jedoch die Zahl von Wohnungen in einem Hochhauskomplex limitierten. Um flexibler und vermeintlich effizienter umbauen zu können, lockerte die Regierung von Premierministerin Margaret Thatcher 1984 die Bauvorschriften. Die Städte sollten schnell, billig und viel bauen können. Erstens brauchte die Bevölkerung Wohnraum, zweitens sollte die Baubranche florieren und drittens sollte der Bestand an Immobilien eine zuverlässige Einnahmequelle für die Städte werden.

Thatcher wollte, dass sich der Staat ein wenig aus der Finanzierung der Stadtbehörden zurückziehen kann. 1987 führte ihre Regierung dafür die Stadtsteuer ein, die heutige council tax. Diese Steuer richtet sich nach dem Wert einer Immobilie, unabhängig vom Einkommen des Eigentümers. Im Londoner Stadtteil Kensington & Chelsea beträgt diese council tax für Privatpersonen 708 Pfund im Jahr für Billigwohnungen, steigt aber für Luxuswohnungen auf bis zu 2.124 Pfund im Jahr. Für Unternehmen gilt dazu eine ähnliche Art Grundsteuer, die business rate.

Je mehr Immobilien in der Gemeinde teuer und damit steuerlich höher eingestuft werden können, desto mehr Geld bekommt die Stadtbehörde. Je mehr Wohnungen also in einen Wohnblock gezwängt werden, und je schicker alles aussieht, desto besser. Das erklärt auch, warum die 32 Londoner Stadtbehörden den aktuellsten Zahlen von 2014 zufolge mehr als 250 Millionen Pfund als eine Art Entschädigung dafür kassierten, dass Bauherren die vorgeschriebenen, preisgünstigeren Wohnungen in ihren Bauprojekten einfach nicht realisiert hatten. Kensington & Chelsea strich dafür im Jahr 2015 allein 26 Millionen Pfund ein, heißt es bei London First, einer Lobby-Gruppe.

Stadtbehörden wie Kensington & Chelsea haben also ein Interesse, die billigen Wohnblocks der siebziger Jahre mit ihren Sozialwohnungen so kostengünstig wie möglich aufzuwerten. Niemand will auf schäbig aussehende Wohnblocks schauen, vor allem nicht im Luxusviertel Kensington & Chelsea.