Rund die Hälfte der Brexit-Wähler gehört zur wohlhabenden Elite. Das belegen Studien (PDF, Seite 25), die ansonsten die gängige Erzählung stützen: ein knapper Sieg der Vernachlässigten über das Establishment, ein Triumph der Zukurzgekommenen über die Privilegierten. Diese Eliten, die Gewinner des globalen Großbritanniens – warum erwarten ausgerechnet sie eine bessere Zukunft für ihr Land außerhalb der Europäische Union?

Elise Moore-Searson ist eine von ihnen. Sie erwartet mich im Sloane Club in der  Lower Sloane Street im Westen Londons. In der stillen Eleganz roter Backstein-Wohnblocks tummelt sich hier seit Langem die vermögende britische Oberschicht. Kleine Wohnungen kosten hier eine Millionen Pfund. Vor 40 Jahren gab der nahe Sloane Square einer ganzen Generation überprivilegierter Jugendlicher ihren Namen: Sloane Ranger. Die 19-jährige Lady Diana aus der englischen Uradelsfamilie der Spencers zählte dazu, bevor sie sich mit Prinz Charles verlobte.

Zwischen den türkisblau getönten Salonwänden des Clubs und den altmeisterlichen Landschaftsbildern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein in einem beruhigenden Englischsein, das milde Freundlichkeit ausstrahlt. Zwei Frauen mit weißgelockten Haaren und Strickjacken sitzen in tiefen Sofapolstern an einem Nachbarteetisch.

Der Sloane Club wurde ursprünglich für Offizierinnen des Zweiten Weltkriegs gegründet, in den sechziger Jahren war er ein Club für die Damen der gehobenen Gesellschaft und des Adels. Männer bekamen erst in den siebziger Jahren Zutritt.

Moore-Searson steht lächelnd auf und begrüßt mich mit Wangenküsschen. Ob ich Kaffee oder Tee möchte, fragt sie, eine liebenswürdige Gastgeberin. Kennengelernt habe ich sie vor einigen Jahren als Karrieretrainerin. Eine kluge Frau, unaufdringlich elegant, professionell zuvorkommend und bei aller gewandten Liebenswürdigkeit unnahbar, vorsichtig ihre Worte und Sätze anbietend wie eine Katze, die sich auf einem schmalen Brett zwischen zerbrechlichem Porzellan bewegt, ohne ein Stück zu beschädigen.

Als wir einmal auf den Brexit zu sprechen kamen, war Moore-Searson dafür. Nun möchte ich wissen: Wie kommt eine nachdenkliche, weltoffene Frau dazu, sich gegen ein Bündnis zu entscheiden, das die innereuropäischen Grenzen öffnen und den Frieden in Europa nach zwei Weltkriegen sichern sollte?

Elise Moore-Searson im Sloane Club © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

Nicht Feindseligkeit gegenüber Europa oder den Europäern habe zum Brexit geführt, sagt sie, sondern die Ablehnung der europäischen Institutionen. Es liegt ihr daran, dass ich verstehe, wie fern ihr Nationalismus liegt und wie sehr sie möchte, dass ihr Land mit seinen europäischen Nachbarn freundlich verbunden bleibt.

Sie erzählt eine Anekdote aus dem Leben ihres Vaters, eines Piloten der britischen Marine, der den Zweiten Weltkrieg gerade verpasst hatte, wie sie es formuliert. 1958 begrüßte ihr Vater eine Delegation deutscher Offiziere der wenige Jahre zuvor neu gegründeten Bundeswehr. Nach einer gemeinsamen Schulung saßen die Deutschen etwas abseits von ihren britischen Gastgebern, der Vater fand das schrecklich und organisierte eine Tour durch die umliegenden Kneipen. Am Ende hätten deutsche und britische Offiziere die Lieder der jeweils anderen gesungen und sich prächtig verstanden. Am nächsten Morgen sei den Deutschen erlaubt worden, ihre Orden zu tragen. Ihr Vater, erzählt Moore-Searson, sei von der Fülle der Tapferkeitsauszeichnungen beeindruckt gewesen. Großartige Männer, habe er gesagt, sollte es je wieder Krieg geben, wolle er sie auf seiner Seite haben. In ihrer Schulzeit, sagt Moore-Searson, habe ihr Vater sie dann überredet, statt Latein Deutsch zu lernen, denn es sei wichtig, die Nachbarn zu verstehen.

Menschen zusammenbringen

In den sechziger Jahren, als sie aufwuchs, war Europa für sie und ihre Familie ein Urlaubsort: Frankreich, Spanien, Italien: "Ich habe immer gesagt: Es riecht anders, die Geräusche sind andere, man sieht andere Dinge, und meistens ist das Wetter besser. Ideal für Ferien." Europa blieb der fremde Kontinent.

Moore-Searsons Karriere spielte sich in der Nähe der Mächtigen und Einflussreichen ab. Ende der siebziger Jahre, als Margaret Thatcher Premierministerin wurde, bekam Moore-Searson eine Stelle als Sekretärin bei Lord Thorneycraft, dem Vorsitzenden der Konservativen Partei. Anschließend organisierte sie für zwei britische Botschafter in Washington gesellschaftliche Veranstaltungen. Zurück in London wurde ihr eine Stelle beim Prinzen Michael von Kent angeboten. Es folgten Anstellungen als Personalmanagerin für zwei internationale Konzerne. Schließlich wurde sie selbständige Karrieretrainerin.

Dann machte ihr Bruder sie mit einem arabischen Finanzier aus Israel bekannt: "Ein hochinteressanter Mann", sagt Moore-Searson. Sie habe so viel über Israel gelernt, nicht zuletzt, dass 20 Prozent der israelischen Bevölkerung Araber seien. Seither ist die Versöhnung zwischen Palästinensern und Israelis ihr ein leidenschaftliches Anliegen. Für die Investmentboutique des israelischen Finanziers ist sie nicht nur Personalchefin, sondern sie leitet auch sein Kulturprogramm, das palästinensische und israelische Jugendliche zusammenbringt. "Das ist der Einfluss meines Vaters", sagte Moore-Searson, "mein Wille, die Menschen zusammenzubringen, Harmonie herzustellen."