Wer Chile und seine Hauptstadt neu kennenlernt, staunt oft: Santiago ist ständig in Bewegung und dabei ganz schön gestresst. Hier wird mindestens 45 Wochenstunden gearbeitet, bei 15 Tagen Jahresurlaub. Wer es sich leisten kann, lebt in Hochhaustürmen mit Pförtner und Pool, aber aus Kostengründen in Wohnungen, die kaum größer scheinen als eine Streichholzschachtel. In der Tiefgarage reihen sich wuchtige Pick-up-Trucks mit Vollradantrieb aneinander, glänzend geputzt für die nächste Ausfahrt. Zum Familienurlaub geht es ins kalifornische Disneyland, zur Not finanziert mit einem Bankkredit.

In Chile zeigt man gern, was man hat. Das Wochenende verbringen viele Einheimische gerne in den riesigen Einkaufsmalls der Stadt. Fast jedes Kaufhaus gibt eine eigene Kreditkarte heraus, das Geld kann auf Wunsch in mehreren Raten vom Konto abgezogen werden. Wer weniger hat, achtet auf kleinere Statussymbole: Zwei große Fernseher für Wohn-und Schlafzimmer, das neueste Handy.

"Unsere Kinder werden dazu erzogen, Gewinner zu sein", sagt Eugenio Yáñez. Der Wirtschaftsexperte sitzt in der Cafeteria der privaten Universität San Sebastián in Santiago und betrachtet seine Studenten. "Sie konkurrieren stark miteinander, denn das Wichtigste, sagt man ihnen, ist es, Erfolg zu haben, ökonomischen Erfolg. Ein gutes Leben, Familie, Freunde, Freude, an dem was man tut, das gerät oft in den Hintergrund."

Yáñez Aussage ist interessant, weil er ein Konservativer ist. Der Mann mit silbergrauem Haar im weinroten Wollpullover ist ausgebildeter Philosoph. Promoviert hat er über die soziale Marktwirtschaft, über linke Verteilungsideen schüttelt er nur den Kopf. Yáñez sagt trotzdem: "Wir brauchen Veränderungen an unserem System."

Chile ist ein schönes, ein stolzes Land. Es kann verzaubern durch seine Natur, die Wüsten, die Gletscher und die endlose Andenlandschaft, durch seine offenen und interessierten Menschen. Aber es bleibt unübersehbar: Hier regiert der Kapitalismus stärker als anderswo – mit allen Konsequenzen für den sozialen Zusammenhalt und die Schwächeren in der Gesellschaft. Kannst du nicht mithalten, gehörst du nicht dazu: Das ist ein kulturelles Erbe der Militärdiktatur Augusto Pinochets, die von 1973 bis 1990 das schmale Land in Randlage Südamerikas bestimmte.

Pinochet ist lange tot, aber seine Chicago Boys leben weiter. Die Chicago Boys waren in den USA ausgebildete chilenische Ökonomen, die in den 80er Jahren die Militärdiktatur berieten. Ihr erklärtes Ziel: Schluss zu machen mit den Umverteilungsideen der sozialistischen Vorgängerregierung unter Salvador Allende. Der Markt sollte wieder wachsen.

So zog der Neoliberalismus angelehnt an die marktradikalen Lehren des Ökonomen Milton Friedman in Chile ein. Die Chicago Boys schrumpften den Staat zusammen, privatisierten von der Autobahn bis zu Krankenhäusern, Gefängnissen und Grundschulen sowie den ertragreichen Kupferminen alles, was an solvente Geldgeber abzugeben war.