Isaacs Chinesisch ist nicht wirklich besser geworden. Kantonesisch versteht er weiterhin nur mittelmäßig. Und auch sein Englisch hat nur wenig Fortschritte gemacht. Dabei betreibt er bereits seit mehr als sieben Jahren eine kleine Handelsfirma in der südchinesischen Handelsmetropole Guangzhou. "Das macht nichts", hatte der 34-Jährige aus Gabun schon vor fünf Jahren gesagt. "Den Taschenrechner versteht hier jeder." Das gelte nach wie vor.

Isaac hat sich in Guangzhou niedergelassen, wie Zehntausende andere Afrikaner. Sie ist die größte Stadt im Perlflussdelta – wegen der Zehntausenden Textil-, Spielzeug- und Elektronikfabriken auch bekannt als Werkbank der Welt.

Isaac hat nicht einmal eine langfristige Aufenthaltsgenehmigung. So wie die meisten Kenianer, Südafrikaner, Kameruner und Nigerianer in Guangzhou reist er alle paar Wochen aus und fliegt in sein Heimatland, die Koffer voller T-Shirts, Jeanshosen, Flipflops, aber auch Smartphones und andere Kleinelektronik. "Eine Unterhose kostet hier sechs Yuan", sagt Isaac. Auf dem Markt in Libreville könne er sie für umgerechnet acht Yuan verkaufen. Viel sei das pro Stück nicht. "Aber die Menge macht's." Pro verkaufter Ladung würden auf diese Weise einige Tausend Dollar zusammen kommen. Hat er die Ware verkauft, reist er mit einem Touristenvisum nach China wieder ein.

Der Handel zwischen China und Afrika boomt. Und es sind keineswegs nur Chinesen, die nach Afrika kommen und mit ihrem vielen Geld die Flächen für Landwirtschaft aufkaufen, Minen bauen, den ganzen Kontinent mit Straßen und Schienen versehen und neue Häfen errichten, damit sie die Rohstoffe und andere Bodenschätze in ihr Heimatland verschiffen können.

Der Handel läuft wechselseitig. Einige Tausend Kleinhändler aus Afrika halten sich allein im Guangzhouer Stadtteil Xiaobei auf und schachern auf den Kleider- und Elektromärkten um niedrige Preise. Ihre genaue Zahl kennt niemand. Denn die meisten leben gar nicht dauerhaft in Guangzhou, sondern reisen wie Isaac ein, kaufen ein und reisen wieder ab – und das mehrfach im Jahr.

China ist bereits seit 2009 Afrikas größter Handelspartner. Während Europäer und Amerikaner den Kontinent vor allem mit Hunger, Elend und Flüchtlingen verbinden, sehen die Chinesen in Afrika einen gigantischen Handelspartner und Absatzmarkt. Insgesamt hat sich das Handelsvolumen nach Angaben aus Peking im vergangenen Jahrzehnt mehr als verzehnfacht und lag im vergangenen Jahr bei über 300 Milliarden Dollar. Die afrikanischen Länder beliefern China mit Eisenerz, Kupfer, Mineralien, Kohle und Erdöl. Angola etwa ist Chinas drittgrößter Erdöllieferant. Die Chinesen wiederum exportieren vor allem Maschinen, Elektronik und andere Konsumgüter nach Afrika.

Häfen, Straßen, Industrieparks

Vor allem aber ist China inzwischen ein kräftiger Investor in Afrika. Nach Angaben der internationalen Beratungsfirma Ernst & Young in London haben die Chinesen seit 2005 mehr als 66 Milliarden Dollar auf dem Kontinent investiert und über 130.000 Jobs geschaffen.

Ganz vorne bei diesen Investitionen ist der chinesische Staat. 80 Prozent der Investitionen kommen von chinesischen Staatsunternehmen. Allein auf dem jüngsten Gipfel "Neue Seidenstraße" Mitte Mai hat die chinesische Führung angekündigt, ein dichtes Netz aus neuen Häfen, Eisenbahnlinien, Straßen und Industrieparks zu bauen, das China mit Afrika, Asien und Europa verbinden soll. Die afrikanischen Staaten sollen besonders viel davon abbekommen.

China geht es keineswegs nur um die Ausbeutung der Rohstoffe

Die Industriestaaten in Europa und den USA schauen mit Argwohn auf diese boomende Handelsachse Afrika-Fernost. Deren Unternehmen trauen sich nicht so recht. Auch Nichtregierungsorganisationen werfen den Chinesen vor, sie seien nur an den Bodenschätzen interessiert, nicht aber an Umweltschutz, Menschenrechten oder einer wirklichen Entwicklung des Kontinents. Der angolanische Ökonom José Cerqueira hatte diesem Bild indes bereits vor einigen Jahren widersprochen. "Für die westliche Entwicklungshilfe sollen wir Ohren haben, aber keinen Mund", so Cerqueira. Mit den chinesischen Geschäftsleuten hingegen werde knallhart verhandelt – das jedoch auf Augenhöhe.

Und tatsächlich lässt sich auch statistisch belegen, dass es China keineswegs nur um die Ausbeutung der Rohstoffe geht. Äthiopien etwa, ein Land mit über Hundert Millionen Einwohnern, hat den Chinesen gar nicht so viel an Bodenschätzen zu bieten – ist derzeit aber der größte Empfänger chinesischer Gelder.

Die Ressentiments haben sich gelegt

Peking hat der Hauptstadt Adis Abeba nicht nur das Hochhaus für den Hauptsitz der Afrikanischen Union gespendet, sondern auch mehr als zwölf Milliarden Dollar in den Bau von Dämmen, Schienen, Straßen und sogar Fabriken gesteckt. "Das ist mehr als doppelt so viel wie China in den ölreichen Sudan oder den mineralreichen Kongo investiert hat", schreiben Wissenschaftler der John-Hopkins-Universität in Washington. Tatsächlich würden die USA einen weitaus größeren Anteil ihrer Gesamtinvestitionen in Afrika in den Abbau von Rohstoffen investieren, nämlich 66 Prozent. Der Investitionsanteil der Chinesen in den afrikanischen Bergbau liege lediglich bei 28 Prozent.

Auch die Sympathiewerte der chinesischen Investoren steigen. Waren viele Afrikaner viele Jahre gegenüber China eher misstrauisch eingestellt, haben sich die Ressentiments gelegt. Einer Studie des Pew-Instituts zufolge begrüßen 70 Prozent der Afrikaner das Engagement der Chinesen. In Südostasien und Europa stoßen sie auf sehr viel weniger Zustimmung.

Nachhaltige Gestaltung der Globalisierung

Chinas Engagement in Afrika beschäftigt nun auch die Bundesregierung. Der Westen müsse seine Wirtschaftsbeziehungen mit Afrika auf eine völlig neue Grundlage stellen, forderte unlängst Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Seine neue Strategie: Er will in der Afrikapolitik künftig mit China zusammenarbeiten. Einen Anfang hat es schon gegeben. Bei seinem Besuch Anfang Mai in Peking eröffnete Müller zusammen mit seinem chinesischen Partner ein neues "Zentrum für nachhaltige Entwicklung", das explizit Projekte in Afrika fördern soll. China sei zwar der größte Investor von Infrastruktur auf dem afrikanischen Kontinent, sagte Müller. Um jedoch auch Ausbildungs- und Arbeitsplätze für Afrikaner zu sichern, wolle er deutsches Wissen in der Berufsbildung und der Umwelt- und Energietechnik zur Verfügung stellen.

Reine Wirtschaftspolitik eines Entwicklungsministers also? Müller bestreitet das. Weder Deutschland noch China gehe es nur um freie Märkte und Gewinnmaximierung, betont er. Beiden gehe es um eine "nachhaltige Gestaltung der Globalisierung".