Für Greg Oxley ist die Sache klar: "Die entscheidenden Kämpfe gegen Macron werden nicht in der Nationalversammlung stattfinden, sondern außerhalb." Der Mann ist ein überzeugter Linker, hat als gebürtiger Brite bei den französischen Kommunisten eine politische Heimat und als Chefredakteur der marxistischen Zeitung La Riposte seine Lebensaufgabe gefunden. Man muss sein Klassenkampfvokabular nicht schätzen, mag es für ermüdend, ewig gestrig, spalterisch und deshalb für gefährlich halten. Doch nach der ersten Runde der französischen Parlamentswahlen vom Sonntag spricht einiges für Oxleys Einschätzung. Viele Franzosen denken wie er – und sind deshalb gar nicht erst an die Urnen gegangen. Der Jubel – auch in Deutschland – über den Durchmarsch des Reformpräsidenten Emmanuel Macron und seiner Bewegung La République en Marche verstellt den Blick auf die Realität.

Tatsächlich müsste es mit dem Teufel zugehen, um Macron in der Stichwahl am nächsten Sonntag noch die erwartete absolute Mehrheit im Parlament zu nehmen. Doch bei allem Respekt vor der Leistung seiner Bewegung, die erst vor gut einem Jahr gegründet und noch vor wenigen Monaten belächelt wurde, liegt das vor allem am Wahlsystem. Ähnlich wie in England begünstigt es die Bestplatzierten. Egal, wie viele Stimmen tatsächlich dahinterstehen.

Dass die Franzosen "den Wandel wollen", wie es nun in vielen Kommentaren heißt, gilt lediglich für die Abkehr von den Traditionsparteien. Den Meinungsforschern offenbarten in der Tat 65 Prozent der Befragten vor der Wahl, dass sie ihre lang gedienten Abgeordneten lieber auswechseln wollten. Dass 51,3 Prozent Stimmenthaltung den Auftrag für die Umsetzung eines großen Reformprogramms bedeuten, wäre allerdings eine ziemlich neue Lesart. Die Wahrheit ist, dass nie zuvor ein französischer Präsident mit so wenig Zuspruch (knapp ein Drittel der abgegebenen Stimmen) in der ersten Runde der Parlamentswahlen mit so vielen Mandaten für seine Getreuen rechnen konnte. "Fast zu viele", soll Macron selbst in kleiner Runde mit Vertrauten zu bedenken gegeben haben.

Wen vertritt das Parlament?

"Diese Situation wird vermutlich bei vielen Franzosen das Gefühl verstärken, dass das Parlament kein Abbild der im Land bestehenden politischen Kräfteverhältnisse ist", sagt deshalb auch Bruno Cautrès, Politologe am Zentrum für politische Studien der renommierten Universität Science Po in Paris. Die Zusammensetzung der künftigen Nationalversammlung werde nicht die Vielfalt spiegeln, die sich in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl abzeichnete. Damals hatte Macron 24 Prozent der Stimmen erreicht, drei weitere Kandidaten – Marine Le Pen von der rechten FN, François Fillon von den konservativen Republikanern und Jean-Luc Mélenchon von der Linkspartei des "aufmüpfigen Frankreich" kamen auf 19 bis 21 Prozent. "Das wird bald Unzufriedenheit und Frustrationen auslösen, und zwar in dem Maße wie die Legislaturperiode voranschreitet und Reformen umgesetzt werden. Das Schwerste steht La République en Marche und Emmanuel Macron noch bevor." Vor allem die umstrittene Reform des Arbeitsrechts, die der Präsident bis zum Herbst mithilfe von Erlassen über die Bühne bringen will, wird zur Bewährungsprobe.

Nach Meinung von Cautrès' Kollegen Jean Petaux von der Science Po in Bordeaux birgt diese "Diskrepanz zwischen dem tatsächlich existierenden Land und dem Land, das im Parlament vertreten ist", das "Risiko einer potenziellen außerparlamentarischen Opposition, zum Beispiel auf der Straße".

Ähnliche Warnungen sprachen auch – freilich nicht ganz uneigennützig und nur zum Wohle der Demokratie – Politiker wie Mélenchon und die konservative Kandidatin Nathalie Kosciusko-Morizet aus. Sie müssen am nächsten Sonntag noch um ihren Einzug ins Parlament kämpfen. Die radikalen Gewerkschaften CGT und Force Ouvrière haben bereits für nächste Woche Protestaktionen gegen die Arbeitsmarktreform angekündigt. Während der Verabschiedung einer abgespeckten Version dieser Reform hatten Streiks und Demonstrationen im vergangenen Jahr das Land über Wochen zum Teil lahmgelegt. Dass der Linkspolitiker Mélenchon bei der Präsidentschaftswahl unerwartet viele Stimmen erhielt und die rechtsextreme Kandidatin Le Pen es sogar in die Stichwahl schaffte, hing auch mit deren Versprechen an die französische Arbeiterklasse zusammen, die Reform rückgängig zu machen.

Das erinnert ein wenig an die lange Jahre in Deutschland vertretene Auffassung, große Koalitionen seien wegen der Gefahr einer Stärkung der Extremen zu vermeiden, eine Demokratie brauche eine handlungsfähige Opposition. Als abschreckendes Beispiel diente die APO, die sich als Opposition gegen die seit 1966 regierende CDU/SPD-Regierung unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger entwickelte.