Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt den Leitzins bei null Prozent. Geschäftsbanken können sich somit weiterhin ohne Zinsen Geld von der Europäischen Zentralbank leihen. Das teilte der EZB-Rat auf seiner auswärtigen Sitzung in der estnischen Hauptstadt Tallinn mit. Das oberste Entscheidungsgremium der Notenbank tagte ausnahmsweise nicht am Stammsitz in Frankfurt. 

Auch der Strafzins für Banken, wenn diese über Nacht überschüssiges Geld bei der EZB parken, wurde nicht geändert. Der sogenannte Einlagensatz liegt weiter bei minus 0,4 Prozent.

Erstmals seit Langem verzichtete die EZB jedoch auf den Hinweis auf mögliche weitere Zinssenkungen. Der Rat gehe davon aus, dass die Zinsen für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau liegen dürften. Der bislang übliche Zusatz "oder auf einem niedrigeren Niveau" entfiel. Volkswirte werten dies als erstes vorsichtiges Signal für einen beginnenden Ausstieg aus dem geldpolitischen Antikrisenkurs.

"Die EZB bewegt sich im Kriechgang auf den Ausstieg aus ihrer lockeren Geldpolitik zu", sagte etwa der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski nannte die Entscheidung einen ersten "Babyschritt in Richtung eines langsamen Abschmelzens der Anleihenkäufe". Von einer "minimalen und lange überfälligen Anpassung", sprach der Wirtschaftsweise Volker Wieland.

Der Leitzins liegt seit März 2016 bei null Prozent. Kritik am EZB-Kurs kommt vor allem aus wirtschaftlich starken Ländern wie Deutschland. Denn Sparer bekommen kaum Zinsen, Banken verdienen weniger Geld mit Krediten. Allerdings profitieren auf der anderen Seite Kreditnehmer von den günstigen Konditionen, zum Beispiel beim Kauf von Häusern und Wohnungen.

Weiterhin monatlich 60 Milliarden Euro für Anleihen

EZB-Präsident Mario Draghi hatte in den vergangenen Wochen jedoch wiederholt betont, er sehe keinen Anlass für eine Änderung des seit Jahren andauernden Kurses. Die Anleihenkäufe zu verändern sei derzeit kein Thema. "Das wurde nicht besprochen", sagte Draghi nach der Sitzung in Tallinn. Eine Normalisierung der Geldpolitik sei nicht erörtert worden.

Für den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen will die Notenbank bis mindestens zum Jahresende weiter monatlich 60 Milliarden Euro aufwenden. Ökonomen rechnen damit, dass die EZB erst schrittweise das Anleihenkaufprogramm (Quantitative Easing/QE) zurückfahren wird und anschließend, womöglich erst 2019,  die Zinsen allmählich wieder anheben wird.

Das viele billige Geld soll im Idealfall die Konjunktur anschieben und die Teuerungsrate langfristig in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter zwei Prozent treiben – weit genug entfernt von der Nulllinie. Denn dauerhaft niedrige Preise auf breiter Front gelten als Risiko für die Konjunktur. Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen aufschieben, in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird.

EZB sieht Eurozone gestärkt

Aus Sicht der EZB hat sich der Ausblick auf die Konjunktur in der Eurozone verbessert. Die Risiken für das Wachstum seien inzwischen "weitgehend ausgeglichen", sagte Draghi. Jüngste Daten belegten, dass die Wirtschaft in der Euro-Zone Fahrt aufgenommen habe. Die Konjunktur dürfte sich stärker aufhellen als bislang erwartet.

Im Mai lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach Eurostat-Zahlen um 1,4 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Kerninflation ohne schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise erreichte 0,9 Prozent.