Das klingt schon wieder eher nach dem warnenden und mahnenden Hans-Werner Sinn, der sich um die Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland und Europa ernsthaft Gedanken macht. Den Mindestlohn hält er in dem Zusammenhang nach wie vor für einen Fehler. In einer Studie, an der auch ein ifo-Mitarbeiter beteiligt war, wurde vor einigen Jahren errechnet, dass der Mindestlohn die Republik 900.000 Jobs kosten werde. Tatsächlich wurden seit der Einführung rund fünf Millionen neue Stellen geschaffen. Widerlegt das nicht die These?

"Wer sagt uns denn, dass es ohne Mindestlohn nicht noch viel mehr gewesen wären?", fragt Sinn, "die Studie enthielt keine unbedingte Prognose, sie hat nur einen Differenzialeffekt berechnet." Sein Beleg: Im Osten, wo der Mindestlohn wegen der niedrigeren Löhne eine höhere Wirkung entfaltet, sei die Beschäftigungsdynamik viel geringer ausgefallen als in anderen Bundesländern. Sein Fazit lautet deshalb: "Der Mindestlohn passt generell nicht in eine Marktwirtschaft. Spätestens im Abschwung wird er zum Hemmnis. Ich würde den Mindestlohn abschaffen und stattdessen die Einkommen am unteren Rand durch viel höhere Lohnzuschüsse ergänzen." Alles andere sei mit den Regeln einer Marktwirtschaft nicht kompatibel. "Aber manchmal ist der Patient eben unwillig."

Probleme mit Billiggeld zugekleistert

Oder die Ärzte, in diesem Fall also die Politiker, "weil Politiker eben keine Ökonomen sind". Weil sie lieber den Wettbewerb um die Höhe der Mindestlöhne austrügen, als das dem freien Markt zu überlassen. Weil sie die Gesetze der Marktwirtschaft nicht kennten und deshalb lieber moralisierten. Sein härtester Vorwurf lautet: "Wir verfrühstücken dank der Unterbewertung des Euro unsere Wettbewerbsvorteile durch konsumierende Politik. Dazu gehört der Mindestlohn, die Abschaffung der Atomkraftwerke, die Beherbergung von vielen Wirtschaftsmigranten aus Nicht-EU-Ländern, die Frührente und vieles mehr."

Aus seiner Sicht resultiert der jetzige Boom nur aus einem, "der Unterbewertung des Euro". Die Kreditblase im Süden Europas und der schwache Eurokurs hätten die Wettbewerbsfähigkeit der Südländer durch eine Super-Inflation geschwächt und dadurch Deutschland relativ immer billiger gemacht. Außerdem habe die Geldvermehrung der EZB zur Abwertung des Euro geführt. "So lange wir weiter fleißig reinbuttern und im Süden die fehlende Wettbewerbsfähigkeit mit immer mehr Geld zukleistern, hält der Euro." Und solange die EZB die Märkte weiter mit Geld flutet, drückt sie den Eurokurs auch, "das erhält die Wettbewerbsfähigkeit Südeuropas und Frankreichs künstlich aufrecht". Aber sind nicht die Exportüberschüsse für Deutschland ein Segen? Nein, sagt Sinn: "Deutschland ist der Kaufladen, in dem sich die Welt bedient, wo sie aber nur die Hälfte bezahlen muss, weil die Bundesbank die andere Hälfte finanziert." Nachhaltig sei das alles nicht.

Es gebe daher keinen harmlosen Weg aus der derzeitigen Misere Südeuropas – es gebe nur vier Möglichkeiten: "Erstens könnte man eine Transferunion mit deutschem Geld zimmern. Zweitens könnte sich Südeuropa der Rosskur einer Preissenkung unterziehen, um die überhöhten Preise wieder auf Normalniveau zu bringen. Drittens könnte man Deutschland nachinflationieren, um die übermäßige Inflation der Südländer aus der Vorkrisenzeit zu kompensieren. Und viertens könnte man eine atmende Währungsunion mit Austrittsmöglichkeiten für Länder schaffen, die im Euro zu teuer geworden sind."

Seine Wahl wäre die vierte Möglichkeit, die sei aber an Angela Merkel gescheitert, die eher zur Transferunion neige, wie auch der neue französische Staatschef Emmanuel Macron. Nur der Austritt einzelner Länder könne deren Staatsbankrott vielleicht noch verhindern. So lange Politiker und Bundeskanzler dieses Szenario aber gar nicht erst in Erwägung ziehen, wird Hans-Werner Sinn weiterschreiben und weiterstreiten.

Muss man sich Sinn nun als Optimisten oder als Pessimisten in der derzeitigen Konjunkturlage vorstellen? Im Grunde ist er beides: "Für Deutschland bin ich optimistisch – für Europas Süden nicht."