In der Nacht auf Dienstag wollten es die Demokraten im Senat zum großen Showdown kommen lassen. Die Stars der Partei, darunter Elizabeth Warren und Bernie Sanders, schlugen sich die Nacht um die Ohren, um den öffentlichen Druck auf den politischen Gegner zu erhöhen. "Wenn die Republikaner uns nicht die Möglichkeit zur Diskussion geben, dann schaffen wir diese Möglichkeit eben selbst", fasste der New Yorker Senator Chuck Schumer den stundenlangen Redemarathon zusammen, der live im Netz übertragen wurde.

Bei der Gelegenheit kündigten die Senatoren auch an, alle laufenden Abstimmungen bis auf Weiteres auszusetzen, solange die Debatte um die Gesundheitsreform nicht ihren Weg in das Forum finde.

Der Frust der Demokraten hat seinen Grund: Seit das Repräsentantenhaus im März im zweiten Anlauf einen Entwurf für eine konservative Alternative zu Obamacare mit knapper Mehrheit verabschiedet hat, ist es am Senat, ein eigenes Gesetz auszuarbeiten. Statt öffentlicher Debatten und langwieriger Komitees haben die Republikaner aber die Ausarbeitung einer kleinen Arbeitsgruppe aus 13 Senatoren übertragen – republikanisch, männlich, weiß.

Selbst viele Konservative müssen derzeit mit den Schultern zucken, wenn Journalisten sie nach dem Gesetz fragen. "Ich nehme an, es wird von irgendwem irgendwo geschrieben, aber ich habe keine Ahnung, wo und von wem", sagte der republikanische Abgeordnete Rand Paul im Interview mit dem Sender NBC. "Wenn Sie es in die Hände bekommen, würden Sie mir eine Kopie zukommen lassen?" Die Satireseite The Onion zeigte Mehrheitsführer Mitch McConnell, wie er einen 500 Seiten starken Entwurf panisch in den Mund stopft, als er auf den Gängen des Senats einen Demokraten erblickt.

23 Millionen Amerikaner können Versicherung verlieren

Die Aufgabe der Gruppe ist alles andere als leicht: Die Mehrheit der Amerikaner lehnt den Vorstoß der Republikaner aus dem Repräsentantenhaus ab, Ärzteverbände halten das Gesetz genauso für einen Fehler wie die Versicherer.

Der Entwurf würde nach Schätzungen des parteiunabhängigen Congressional Budget Office rund 23 Millionen Amerikaner aus dem Versicherungssystem drängen. Die Ausweitung der Grundversicherung Medicaid unter Obamacare soll darin zurückgefahren werden, ältere Amerikaner, die nicht über ihren Arbeitgeber versichert sind, müssten zum Teil mit Prämienerhöhungen von 500 Prozent rechnen.

Selbst der Präsident hatte den Entwurf vor wenigen Tagen in einem privaten Treffen mit Senatoren als "gemein" bezeichnet – und den Demokraten damit neue Munition im Kampf gegen ein Gesetz gegeben, das immerhin ein Sechstel der amerikanischen Wirtschaft neu regeln würde. "Sie schämen sich für ihr eigenes Gesetz", versuchte sich Chuck Schumer an einer Erklärung für die geheime Arbeitsgruppe. Wenn sie wirklich hinter dem Entwurf stünden, sagte Schumer, "dann würden sie mit Pauken und Trompeten durch Amerika marschieren. Aber sie wissen, dass es das nicht wert ist."

Angesichts der schwierigen Voraussetzungen glauben politische Gegner und Beobachter, die Heimlichtuerei sei Strategie, um die Chancen zu erhöhen, das Gesetz durchzubringen. Senatsführer Mitch McConnell setze darauf, über das Gesetz im Eildurchgang abstimmen zu lassen. Dann würden Kritiker keine Zeit haben, öffentlich Stimmung gegen den Entwurf zu machen oder die Details im Einzelnen durchzugehen.

Vor der Abstimmung im Repräsentantenhaus hatten sich die Konservativen einem riesigen öffentlichen Druck gegenübergesehen. In Town-Hall-Meetings mussten sie sich der Wut ihrer Wähler stellen, die fürchten, ihre Versicherung zu verlieren. McConnell hatte in der vergangenen Woche angekündigt, den Entwurf des Senats noch vor dem Unabhängigkeitstag am 4. Juli zur Abstimmung bringen zu wollen. Pressesprecher Sean Spicer kündigte an, der Senator werde den Entwurf am Donnerstag vorstellen.