Die gesellschaftliche Spaltung ist nicht erst durch die Wahl von Donald Trump und den Aufstieg rechtsextremer Populisten in Europa offensichtlich geworden. Angesichts sozialer Ungleichheit und Verunsicherung überraschen die politische Polarisierung und der zunehmende Verteilungskampf wenig. Als Reaktion muss die Politik grundlegend umdenken in der Sozialpolitik, mit dem Ziel, die wirtschaftliche, soziale und politische Teilhabe der Menschen zu verbessern und ihnen damit neue Lebenschancen zu eröffnen.

Ein geeigneter Weg wäre ein Lebenschancenkredit. Basierend auf einem Konzept meines Kollegen Steffen Mau würde ein solcher die Teilhabe verbessern, Chancengleichheit schaffen und mehr Autonomie und Freiheit für den einzelnen Menschen gewährleisten. Nur dank neuer Konzepte kann es der Politik langfristig gelingen, in einer sich immer schneller ändernden Arbeitswelt und Gesellschaft den sozialen Zusammenhalt und wirtschaftlichen Erfolg zu sichern.

Unsere Sozialsysteme wurden für eine Welt geschaffen, in der der Lebensweg des Einzelnen schon früh vorgezeichnet war, beruflich wie privat. In den letzten Jahrzehnten haben sich Gesellschaft und Arbeitswelt jedoch massiv verändert. Niemand, der mit 20 oder 22 Jahren seine Ausbildung abgeschlossen hat, wird den gleichen Beruf mit den gleichen Qualifikationen über sein gesamtes Berufsleben ausüben können. Jeder muss sich der durch Globalisierung und technologischen Wandel schnell ändernden Arbeitswelt ständig anpassen. Lebenslanges Lernen, regelmäßige Qualifizierung und häufige Berufswechsel werden in Zukunft zur Norm werden.

Die Sozialsysteme können diese Herausforderung nur bewältigen, wenn sie ihre Zielgenauigkeit verbessern und künftig stärker auf die Autonomie des einzelnen Menschen setzen. Für eine solche Anpassung müssen unsere Sozialsysteme, die heute auf drei Prinzipien ruhen, um ein viertes, ein Autonomieprinzip, erweitert werden. Das Versicherungsprinzip durch Beiträge in die Sozialversicherungssysteme mag zwar in einem gewissen Maße individuell sein, es setzt jedoch sehr enge Grenzen, die kaum individuelle Bedürfnisse berücksichtigen können.

Das Vorsorgeprinzip wird stark von der Bedürftigkeit in Einzelfällen getrieben, sowie im Krankheitsfall oder bei Arbeitslosigkeit. Vorsorge muss jedoch mehr bedeuten als die passive Absicherung gegen Schadensfälle. Es sollte sich viel stärker auf die Vermeidung solcher Fälle konzentrieren. Das Universalprinzip, wie es beispielsweise das Bildungssystem gewährleisten soll, ist auch deshalb immer weniger in der Lage, Chancengleichheit zu sichern, weil es zu wenig auf individuelle Bedürfnisse eingehen kann.

Sozialsystem würden zukunftsfähig und nachhaltig

Ein Lebenschancenkredit, der Menschen mehr Freiheit in ihrer individuellen Lebensgestaltung gibt, würde unsere Sozialsysteme wieder zukunftsfähig und nachhaltig machen. Ein solcher Lebenschancenkredit könnte jedem Menschen, unabhängig von seiner sozialen Herkunft und individuellen Lebenslage, im Alter von 18 Jahren ein Anrecht auf 20.000 Euro geben, ein Guthaben, das für Bildung, Zeitsouveränität oder zur Absicherung sozialer Risiken genutzt werden kann.

Menschen wissen häufig selbst am besten, wie ihre Lebensplanung aussehen soll und wofür sie gesellschaftliche und staatliche Unterstützung brauchen. Ein Lebenschancenkredit erhöht die Autonomie des Einzelnen, frei über bestimmte staatliche Leistungen für sich zu entscheiden – innerhalb eines klar definierten Rahmens von gesellschaftlich gewünschten Zielen.