Der vor Kurzem verstorbene Helmut Kohl wird von vielen als politisches Genie, aber auch als wirtschaftspolitischer Amateur gesehen. Dabei gibt die Geschichte seinen beiden wichtigsten wirtschaftspolitischen Entscheidungen recht: Er hat einen unschätzbar wichtigen Beitrag zur Verwirklichung eines vereinten Deutschlands und eines geeinten Europas geleistet und gleichzeitig den deutschen Sozialstaat gestärkt. Die von ihm durchgesetzte deutsche Währungsunion enthält zudem eine zentrale Lehre für das heutige Europa.

Es scheint wie eine verkehrte Welt: Der CDU-Kanzler hat den deutschen Sozialstaat stärker als jeder andere Kanzler ausgebaut, der SPD-Kanzler Gerhard Schröder hat ihn grundlegend reformiert, und beide waren Verfechter eines geeinten Europas. Aber so wie sich viele SPD-Mitglieder von den Agenda-2010-Reformen ihres Kanzlers Schröder distanzieren, kritisieren viele Konservative und Ökonomen die Wirtschaftspolitik des Kanzlers Kohl.

Deutsche Ökonomen warfen Helmut Kohl bereits in den 1990er Jahren große Fehler bei der wirtschaftlichen Wiedervereinigung vor, da ihrer Meinung nach zwei so unterschiedliche Wirtschaftssysteme wie das der BRD und das der DDR unmöglich vereinigt werden konnten. Kohl vertrat jedoch die Position, in Ostdeutschland könnten durch grundlegende Veränderungen der Institutionen durchaus zeitnah ein neues Wirtschaftssystem und Wohlstand entstehen.

Kosten deutlich geringer als angenommen

Helmut Kohl behielt Recht. Er war sicherlich zu optimistisch, als er "blühende Landschaften" innerhalb weniger Jahre versprach und er hat bei der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik Fehler begangen. Aber die Wiedervereinigung ist wirtschaftlich ein beachtlicher Erfolg. Die Lebensbedingungen sind in Ost- und Westdeutschland heute ähnlicher als zwischen den verschiedenen Regionen anderer großer europäischer Länder – man denke zum Beispiel an Süditalien und Sizilien im Vergleich zum wohlhabenden Norden des Landes. Auch die finanziellen Kosten der Wiedervereinigung von 1.000 Milliarden Euro über 25 Jahre waren deutlich geringer, als von vielen an- beziehungsweise wahrgenommen.

Festzuhalten bleibt: Ohne Helmut Kohl hätte es im Jahr 1990 keine Wiedervereinigung gegeben. Ohne ihn wäre auch der Euro im Jahr 1999 nicht eingeführt worden, vielleicht gäbe es ihn sogar bis heute nicht.

Helmut Kohl wurde von der Wirtschaftszunft vor allem für den Umtauschkurs der zwei deutschen Währungen von 1-zu-1 scharf kritisiert, der Präsident der Deutschen Bundesbank, Karl Otto Pöhl, trat sogar aus Protest zurück. Seine Kritiker warfen ihm vor, dieser Wechselkurs würde der ostdeutschen Wirtschaft jede Wettbewerbsfähigkeit entziehen.