Frankfurt am Main hat ein Imageproblem. Die Rhein-Main-Region verspricht Arbeit und Wohlstand, und weil wie überall auf der Welt Menschen zunehmend in die Ballungszentren ziehen, ist die Bankenstadt zu einer der beliebtesten Metropolen Deutschlands geworden. Heute zählt Frankfurt etwa 730.000 Einwohner. Allein seit der Jahrtausendwende ist die Stadt um 100.000 Neubürger gewachsen. Bis 2030 sollen noch mal so viele hinzukommen.

Der gute Ruf bereitet aber zunehmend Ärger. Während in strukturschwachen Regionen immer mehr Wohnraum leer steht, nimmt der Bedarf an Orten wie Frankfurt weiter zu. Doch schon jetzt fehlen in Frankfurt rund 30.000 Wohnungen, wie eine von der Stadt in Auftrag gegebene Studie ergab – obwohl Bagger und Kräne bereits heute das Straßenbild prägen. In der Nähe des Hauptbahnhofs wird mit dem Europaviertel eines der größten städtebaulichen Projekte Deutschlands verwirklicht. Hier sollen einmal Zehntausende Menschen arbeiten oder leben. Im Norden der Stadt werden derweil ein neuer Uni-Campus sowie ein Wohngebiet für 16.000 Einwohner gebaut.

Doch das Angebot hält der Nachfrage nicht stand. Also steigen die Preise. Dieses Marktgesetz lässt sich am Wirtschaftsstandort Frankfurt leicht beobachten. Laut dem örtlichen Mietspiegel sind die durchschnittlichen Nettomieten in den letzten 18 Jahren um rund 50 Prozent gestiegen. Eine Linderung ist kaum in Sicht – auch weil die 2015 von der Bundesregierung eingeführte Mietpreisbremse kaum Wirkung zeigt. Dabei gilt sie in weiten Teilen Frankfurts.

Diese Entwicklung kennt man aus anderen deutschen Großstädten. Doch nirgendwo außer in München müssen Neumieter höhere Mieten hinnehmen als in Frankfurt. Wer hier eine Bleibe finden will, zahlt laut dem Beratungsunternehmen empirica durchschnittlich mehr als 12 Euro pro Quadratmeter. So werden für eine kleine Zweizimmerwohnung schnell 800 Euro oder mehr Kaltmiete fällig – wobei fast jeder zweite Frankfurter Haushalt monatlich über weniger als 2.000 Euro verfügt.

"Es sind viel zu viele Luxuswohnungen entstanden"

"Für ärmere Menschen, aber auch für weite Teile der Mittelschicht, ist diese Situation sehr dramatisch", sagt Eva-Maria Winckelmann, Verbandsdirektorin des Mieterbundes Hessen. "Die Politik hat diese Entwicklung lange verschlafen", kritisiert die 55-Jährige. "Es fehlen vor allem bezahlbare kleinere Wohnungen. In den letzten Jahren wurde nicht nur zu wenig gebaut, sondern es sind auch viel zu viele Luxuswohnungen entstanden."

Beispiele wie der Neubau des Henninger-Turms ragen in ganz Frankfurt in den Himmel. Das einstige Wahrzeichen der Stadt beherbergt heute vor allem Eigentumswohnungen, die bis zu 13.000 Euro je Quadratmeter gekostet haben sollen. In Frankfurt noch kein Spitzenpreis. Im beliebten Westend entsteht gerade ein knapp 100 Meter hoher Wohnturm, Kaufpreis pro Quadratmeter: zwischen 6.500 und 19.000 Euro. Zum Vergleich: Im Schnitt kostet der Quadratmeter in einer Frankfurter Eigentumswohnung gut 4.200 Euro.

Für die verantwortliche Kommunalpolitik schien diese Preisexplosion lange kein Problem zu sein – im Gegenteil. In den wohnungspolitischen Leitlinien der Stadt aus dem Jahre 2005, die bis heute gültig sind, heißt es: "Bei der Bereitstellung von Wohnbauflächen werden die gehobenen Ansprüche verstärkt berücksichtigt." Die logische Konsequenz: Der Bestand an öffentlich geförderten Sozialwohnungen hat in Frankfurt, wie in der ganzen Republik, kontinuierlich abgenommen. Von mehr als 40.000 zur Jahrtausendwende waren im Jahr 2014 nur noch rund 30.000 übrig.

Doch diese Situation sorgt zunehmend für Unmut. In Frankfurt, München, Hamburg, Berlin und vielen anderen Städten demonstrieren Bürgerinitiativen regelmäßig gegen Verdrängung und Mieterhöhungen. 2012 gewann der Außenseiter Peter Feldmann unter anderem mit dem Versprechen nach mehr bezahlbarem Wohnraum die Wahl zum Oberbürgermeister.

Spätestens seitdem ist die Wohnungsnot auch auf der politischen Agenda Frankfurts. Vor drei Jahren wurde beschlossen, bei neuen Bauvorhaben 30 Prozent der Wohnfläche für klassische Sozialwohnungen sowie für ein Förderprogramm, das sich an die Mittelschicht richtet, zu sichern. Damit ist Frankfurt dem Beispiel Münchens gefolgt. Dort gilt eine solche Quote seit den 1990er Jahren. Andere Städte wie Bonn und Berlin sind inzwischen nachgezogen, in Freiburg wurde der Anteil geförderten Wohnraums gar auf 50 Prozent erhöht.