Maschinen rattern, manchmal surrt ein Bohrer, gesprochen wird wenig: In der Produktionshalle des Daimler-Werks in Untertürkheim arbeiten die Mitarbeiter perfekt durchgetaktet, viele Bauteile werden nur wenige Stunden nach ihrer Lieferung an das Werk sofort verbaut. Wie kaum eine andere deutsche Branche stehen die Autobauer für Effizienz in Reinform, perfekte Organisation, stete Innovation. Airbags etwa sind eine deutsche Erfindung ebenso wie der Dieselmotor.

Einfallsreich ist die Autoindustrie bis heute – nur leider nicht in den richtigen Bereichen. Während etwa Konkurrent Volvo vor Kurzem ankündigte, ab 2019 keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr bauen zu wollen und US-Hersteller Tesla vor wenigen Tagen sein viel gerühmtes Model 3 auf den Markt brachte, gerät die deutsche Branche durch den Dieselskandal und Kartellvorwürfe zunehmend in Verruf. Ob es den heimischen Autobauern gelingt, sich rechtzeitig vom Verbrennungsmotor zu verabschieden und bei der E-Mobilität den Anschluss an die internationale Konkurrenz zu halten, erscheint derzeit unsicherer denn je.

Alteingesessenen Branchen fällt der Sprung in die Zukunft oft schwer. Das gilt nicht nur für die Autoindustrie. Die deutschen Energieversorger etwa kämpfen derzeit mit der Umstellung auf Wind und Sonne, andere ehemals große Branchen wie die Textilindustrie sind in Deutschland fast gänzlich verschwunden. Der Grund dafür ist ein Dilemma: Solange das herkömmliche Geschäft gut läuft, scheuen sich Konzerne, mit all zu großem Einsatz in neue Bereiche vorzustoßen. Kommt aber der Punkt, dass die Geschäfte nicht mehr laufen, ist es oft zu spät, um noch umzuschwenken.

Der Autoindustrie drohen gleich zwei Umbrüche

"Aus ökonomischer Sicht ist ein solcher Strukturwandel ein normaler und durch den steten technologischen Fortschritt nahezu unvermeidlicher Vorgang", sagt Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Für die betroffenen Arbeitskräfte aber ist er oft ein persönliches Desaster, Regionen wie das Ruhrgebiet, dort war es der Niedergang der Kohleindustrie, haben jahrelang mit negativen Folgen zu kämpfen.

Grob gesagt definieren Ökonomen den Begriff Strukturwandel auf zwei Weisen: Einerseits ist damit der langfristige Wandel westlicher Volkswirtschaften weg von der Agrarwirtschaft über die Industrialisierung hin zu Dienstleistungsgesellschaften gemeint. Andererseits könne man den Begriff enger definieren, sagt Steffen Müller, Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität am IWH Halle: "Strukturwandel findet statt, wenn es zum radikalen Umbruch einer ganzen Branche kommt – mit dem Risiko, dass dieser Wirtschaftszweig nachhaltig an Bedeutung einbüßt."

Genau das droht derzeit der Autoindustrie. Die Branche steht gleich vor zwei fundamentalen Umbrüchen: der Elektromobilität und dem autonomen Fahren. Das Worst-Case-Szenario für die rund 800.000 Beschäftigten in der Automobilindustrie: Die Chip- und Batterietechnologie kommt künftig aus Asien, die Bordsoftware wird zunehmend von amerikanischen IT-Konzernen wie Google gestellt. Ingenieure und Softwareentwickler würden dann in der deutschen Branche kaum noch gebraucht.

Aus heutiger Sicht klingt das unrealistisch. Immerhin halten deutsche Autobauer 58 Prozent aller Patente weltweit beim autonomen Fahren. Und auch der Wettstreit um die E-Mobilität ist noch längst nicht verloren. Andererseits wäre die Autoindustrie nicht die erste Branche, die im Strukturwandel untergeht. Die Textil-, Kohle- und Werftindustrie in Deutschland etwa hat alle ein ähnliches Schicksal ereilt.