Was anderes machen als Kapitalismus – Seite 1

Sieben Kilometer vom Treffpunkt der Mächtigen entfernt, auf dem Solidaritätsgipfel der G20-Gegner, sind keine Polizisten zu sehen – ganz anders als im Rest der Stadt. Nach Tagen, an denen alle über die Sicherheitslage in Hamburg sprachen, an denen Polizisten Zeltlager stürmten und Aktivisten sich mit den Behörden über Demonstrationsverbote stritten, soll es in der Kulturfabrik Kampnagel um die Sache gehen. 

Etwa 1.000 Besucher debattieren hier über Alternativen zum herrschenden Modell: Darüber, wie eine Wirtschaft funktionieren müsste, die Armut, Ausbeutung und die Zerstörung der Natur tatsächlich überwindet und ein selbstbestimmtes, solidarisches Leben ermöglicht. Wie eine Gesellschaft aussehen kann, in der Geld nicht mehr das Maß aller Dinge ist, sondern der Mensch selbst. Sie diskutieren über unbezahlte – und deshalb oft gering geschätzte – Fürsorgearbeit von Frauen, die verheerenden Folgen des Bergbaus in rohstoffreichen Ländern, die Folgen der EU-Austeritätspolitik in Südeuropa. Sie sprechen über Krieg, Flucht und Klimawandel, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und unfaire Handelsverträge. Sie entwerfen Proteststrategien und schmieden Bündnisse.

Und sie reden über ihre eigene Verstrickung. "Wir stehen jeden Morgen auf und machen Kapitalismus", zitiert die Moderatorin Silke Helfrich den anarchistischen Ethnologen David Graeber. "Warum machen wir nicht mal was anderes?" Das ist die Frage, die über allem schwebt.

Den Auftakt macht Vandana Shiva, und sie setzt den Ton. Die Bürgerrechtlerin, Ökologin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises hat ihr Leben dem Kampf gegen die Konzerne gewidmet – vor allem gegen Monsanto und andere große internationale Saatgutfirmen. Shiva nennt sie ein "Giftkartell". Vor vollen Rängen steht sie auf der Bühne im Scheinwerferlicht, eine zierliche Person und erfahrene Rednerin, elegant gekleidet im blau-kupferfarbenen Sari; freundlich im Ausdruck, aber zornig in der Sache. Seit mehr als 30 Jahren führt sie diesen Kampf nun schon.

Vandana Shiva: Die G20 dienen nur den Reichsten

Die großen Konzerne und die von ihnen durchgedrückte Grüne Revolution zwingen die Bauern in Indien, Pestizide und Dünger zu nutzen, patentiertes Saatgut zu kaufen und sich zu verschulden, sagt Shiva. Die Chemie lasse tote Erde zurück. Das neue System zerstöre eine gewachsene Kultur, und am Ende trieben die Schulden Zigtausende Bauern in den Selbstmord. Die Konzerne aber verdienten gut daran. "Warum kümmern sich die G20 nicht darum?"

Sie beantwortet die Frage gleich selbst. Die G20 dienten nur dem globalen Finanzkapital, also den Reichsten, sagt Shiva. Sie zwängen auch jene, die sonst ohne Geld gut vom Ertrag ihres Landes leben könnten, unter die Knute des Kapitals. So ruinierten sie die Ärmsten. Zum Wohl der Investoren.  

Shivas Rede ist eine Anklage, reich gefüttert mit Zahlen und Erfahrungen. Und jetzt, sagt sie, verkündeten die Konzerne auch noch die Segnungen der digitalen Ökonomie: bessere Ernten bei weniger Aufwand, durch Big Data! Aus ihrer Sicht ist das bloß die nächste Stufe der Unterwerfung. Wenn die Menschen wegen der Digitalisierung weniger arbeiten müssten, fragt sie rhetorisch, was werde dann aus ihnen? Empfänger von Sozialhilfe oder Grundeinkommen, die ihre Tage im Sessel verdämmern. "Mit den Computerspielen, die ihnen von den Konzernen angedreht werden!"   

Für ihre Thesen erhält Shiva hier viel Applaus. Aber: "Warum machen wir nicht mal was anderes?" Diese Frage ist gar nicht leicht zu beantworten. Auch das lernt man auf Kampnagel.

Kurz erklärt - Wer gegen G20 auf die Straße geht Sie zelten, fahren auf der Alster und feiern gemeinsam gegen G20, aber die Demonstranten in Hamburg wollen nicht alle dasselbe. Was sie antreibt und was sie unterscheidet, erklären wir im Video.

Gerechteres Wachstum – oder gar keins?

Während die einen höhere Löhne verlangen, fordern die anderen, unentgeltlich geleistete Arbeit – vor allem von Frauen – endlich anzuerkennen. Wiederum andere weisen darauf hin, dass auch jene ein menschenwürdiges Leben verdienten, die gar nicht in die Geldwirtschaft eingebunden sind. Während die einen die Sparpolitik in Südeuropa kritisieren und zwischen den Zeilen öffentliche Investitionen fordern, um die Konjunktur anzukurbeln, erdenken andere ein Wirtschaftssystem, das ohne Wachstum funktioniert. 

Agrarökonom Fanwell Kenala Bokosi aus Simbabwe © Alexandra Endres

Fanwell Kenala Bokosi ist auf den alternativen Gipfel gekommen, weil er die Pläne der G20 für Afrika fürchtet. In Simbabwe leitet der 46-jährige Spezialist für Agrar- und Internationale Ökonomie die Organisation Afrodad, die überschuldeten Staaten hilft, sich aus dem Griff der Finanzmärkte zu befreien. In Hamburg spricht er darüber, was passiert, wenn private Investoren wichtige Bauvorhaben finanzieren dürfen: Straßen zum Beispiel, Dämme oder Trinkwasserleitungen. 

Denn genau das haben die G20 in Afrika vor. Die öffentlichen Kassen, sagen sie, könnten die nötigen Summen nicht stemmen, deshalb brauche man die Privaten. Sonst bleibe Afrika arm. Kritiker entgegnen: Der Plan helfe bloß den Investoren, die ihr Kapital möglichst gut verzinst anlegen wollen. Um Afrikas Wohl gehe es dabei nur am Rande. 

Bokosi ist schon froh, dass die G20 überhaupt einen Fokus auf seinen Kontinent und dessen dringendste Bedürfnisse setzt: "Infrastruktur, Frieden und Sicherheit, Gesundheit und Bildung. Das ist schon mal gut."

Bokosi: Welchen Nutzen haben G20-Reformen für Afrika?

Aber er hat schlechte Erfahrungen mit öffentlich-privaten Partnerschaften gemacht. "In der Vergangenheit war es immer so: Die Staaten verschulden sich und tragen das Risiko. Die Preise steigen, weil die Investoren Gewinn machen wollen und die Profite garantiert sind. Die Unternehmen, die unter Vertrag genommen werden, kommen aus dem Ausland. Und das Nachsehen haben die Armen." Wo also bleibe der Nutzen für Afrika, von neuen Straßen einmal abgesehen?   

Auch die Bedingungen, die die G20 den afrikanischen Staaten stellen, gefallen Bokosi nicht: Haushaltsdisziplin und Steuererleichterungen für die Investoren – Reformen wie die des Weltwährungsfonds (IWF) in den neunziger Jahren. Bokosi erinnert sich noch daran, wie sie in Simbabwe wirkten: "Die öffentlichen Ausgaben für Bildung und Gesundheit wurden gekürzt, die Löhne stagnierten, aber die Armut wuchs."

Das dürfe nicht wieder passieren, sagt er. Deshalb sei er hier: Er hoffe, dass die zivilgesellschaftlichen Organisationen aus den G20-Ländern Druck auf ihre eigenen Regierungen ausüben, um deren Pläne für Afrika zu verbessern. 

Werden die Mächtigen zuhören? Bokosi glaubt, dass sie dazu gezwungen sind. "Wenn sie relevant bleiben wollen, werden sie es müssen", sagt er. Spätestens nach dem Brexit und den US-Wahlen hätten die Regierenden das begriffen.  Hoffentlich.

"Die G20 bestimmen uns, aber sie repräsentieren uns nicht"

Die Forscherin Luciana Ghiotto aus Argentinien © Alexandra Endres

Luciana Ghiotto lebt Tausende Kilometer von Bokosis Heimatland entfernt, doch die Geschichten der beiden ähneln sich. Die 38-Jährige kommt aus Argentinien, sie forscht im Nationalen Wissenschaftsrat, lehrt an Universitäten und arbeitet für Attac. Ihr Spezialgebiet sind die Investitionsschutzklauseln der Freihandelsverträge.

"Die G20 bestimmen, wo es für den Rest der Welt langgeht", sagt sie. "Sie repräsentieren uns nicht. Sie sind undemokratisch. Und sie vertreten eine neoliberale Anpassungspolitik."

Ghiotto weiß, was das bedeutet. Argentinien gehört zu den Ländern, die in den neunziger Jahren ganz besonders unter dem Weltwährungsfonds litten. Um dessen Auflagen zu erfüllen, privatisierte das Land seine Trinkwasser- und Stromversorgung. Doch in der schweren Wirtschaftskrise der Jahrtausendwende büßten die Investoren an Gewinn ein – und verklagten das hoch verschuldete Land. Fast 60 Verfahren seien vor internationalen Gerichten und Handelskammern immer noch anhängig, sagt Ghiotto. Um einen Teil der Forderungen zu begleichen, habe Argentinien sich erneut verschulden müssen. 

Luciana Ghiotto ist in Hamburg, weil der nächste G20-Gipfel 2018 in Buenos Aires stattfinden wird: Sie will mithelfen, dass die argentinischen Bewegungen sich mit dem globalen Protest verbinden. "Bisher sind wir so auf unsere eigenen Probleme fixiert, dass wir übersehen, was in der Welt geschieht", sagt sie. Das will Ghiotto jetzt ändern: Im kommenden Jahr soll die Debatte über Wege aus dem Kapitalismus nahtlos fortgesetzt werden.

Warum machen wir nicht mal was anderes? Die Frage wird auf Kampnagel auch einmal ganz radikal gestellt: Brauchen wir eine Revolution, um den Kapitalismus zu überwinden? 

"Die nächste Krise kommt bestimmt"

Patrick Bond, Professor für politische Ökonomie an der Universität von Witwatersrand in Südafrika, hat eine Antwort darauf. In der Finanzkrise von 2008 war das Kapital schon einmal geschwächt, sagt er. "Aber wir waren nicht organisiert genug. Wir dürfen nicht erlauben, dass das noch einmal passiert."

Die nächste Krise, "und die kommt bestimmt", sei die nächste Chance für einen Machtwechsel, sagt Bond. "Beim nächsten Mal müssen wir vorbereitet sein."