Scotland Yard hat die Suche nach den Toten erst vor wenigen Tagen beendet, 81 Menschen sind durch den Brand im Londoner Grenfell Tower ums Leben gekommen. Während die Feuerwehr das Hochhaus noch löschte, begann in Großbritannien die Diskussion über die sozialen Ursachen der Katastrophe. Ein Wohnblock, vernachlässigt, möglichst billig saniert, und das mitten im reichen Stadtteil Kensington. Hier sind vor allem die prachtvollen Häuser wohlhabender Londoner zu bewundern – mit ihren Luxuskarossen davor und Privatschwimmbädern darunter. Doch Sozialwohnungen gibt es eben auch.

Durch das Feuer ist augenscheinlich geworden, wie eklatant die sozialen Unterschiede in Großbritannien sind. Jahrzehntelang haben die Briten hingenommen, dass ihre Gesellschaft tief gespalten ist. Über die Ungleichheit sprach kaum einer, obwohl sie sich immer deutlicher abgezeichnet hat. Grenfell war ein Fanal.

Dass diese Unterschiede existieren, bezweifelt in Großbritannien kaum jemand. Auch der Begriff der Klassen wird, anders als etwa in Deutschland, oft zur Analyse gebraucht. Allein daran zeigt sich, wie manifestiert das Klassenkonzept ist.

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Selbst wenn man die Monarchie mit der Queen an der Spitze außen vor lässt, zerfällt die britische Gesellschaft heute in sieben Klassen. Das ergab die Great British Class Survey, eine von der BBC im Jahr 2013 veröffentlichte Studie der Wissenschaftler Mike Savage von der London School of Economics und Fiona Devine von der University of Manchester. Aufgeschlüsselt nach ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital identifizierten die Wissenschaftler folgende Klassen: Elite, etablierte und technische Mittelklasse, neu-wohlhabende Arbeiter, traditionelle Arbeiterklasse, junge Dienstleistungsarbeiter und Prekariat.

Gerade um die unteren Klassen steht es nicht besonders gut. Die Autoren der BBC-Studie sortieren fast die Hälfte der Bevölkerung in die drei untersten Klassen ein, allein 15 Prozent zählen sie zum Prekariat. Diese Menschen haben ein durchschnittliches Jahreseinkommen von nur 8.000 Pfund, so gut wie keine Ersparnisse oder Grundbesitz und sind auch sozial und kulturell benachteiligt. Es sind die Angehörigen dieser Klasse, über die die Labour-Abgeordnete Emma Dent Coad kürzlich in ihrer ersten Rede im britischen Unterhaus sprach. Sie wurde kurz vor dem Grenfell-Brand als erste Labour-Abgeordnete für den Bezirk Kensington ins Parlament gewählt und berichtete von den Lebensbedingungen, die es dort gibt: fünf Kinder, die sich eine Matratze teilen, Mangelernährung, giftiger Schimmel, chronische Krankheiten, all das habe sie zwischen Royal Albert Hall und Naturkundemuseum gesehen.

Etwa 5.000 Pfund sparte man bei der Renovierung des Grenfell Towers, wie der Guardian berichtete, weil man statt brandbeständiger Verkleidungen lieber die günstigere Variante nahm, die nun im Verdacht steht, dazu beigetragen zu haben, dass sich die Flammen so schnell verbreiteten.Auch die Feuerwehrleute, von den Briten als Helden gefeiert, klagen über Sparmaßnahmen des ehemaligen Londoner Bürgermeisters und jetzigen Außenministers Boris Johnson. Die Polizei stimmt in diese Kritik ein, auch das staatliche Gesundheitssystem NHS funktioniert nach einer Reihe von wirtschaftlichen Amputationen schlecht. Vor der Wahl hatte Theresa May vorgeschlagen, das kostenlose Schulessen für Kinder aus armen Familien zu streichen und Pflegebedürftige für ihre Versorgung bis zu 100.000 Pfund selbst zahlen zu lassen.

Wer nach den Ursachen für diese Armut und damit für die extremen Unterschiede in der britischen Gesellschaft sucht, muss sich drei Faktoren vor Augen führen. Er muss erstens zurückgehen in die britische Geschichte bis in die ausgebliebene bürgerliche Revolution vor mehr als 200 Jahren, muss sich zweitens ansehen, wie unbeweglich das britische Bildungssystem immer noch ist, und muss drittens verstehen, wie der Neoliberalismus der vergangenen 40 Jahre die Situation verschärft hat.