"Die Wohlhabenden werden sich auch künftig drücken können"

ZEIT ONLINE: Herr Canzler, Skandale zerstören das Vertrauen in die Autoindustrie, Frankreich und Großbritannien planen das Ende des Verbrennungsmotors. Müssen sich die Deutschen vom klassischen Auto verabschieden?

Weert Canzler: Ja, die Signale sind mittlerweile eindeutig. Wir müssen aus der Technik des Verbrennungsmotors aus- und in die Elektromobilität einsteigen. Das heißt aber nicht, dass man einfach Autos mit einem Elektromotor ausstattet und sonst weitermacht wie bisher. Wir brauchen vernetzte Mobilitätsangebote.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Canzler: Dass man sich ein Elektroauto leiht, wenn man im Stadtbereich etwas transportieren will. Dass man kleine elektrische Busse entwickelt. Dass man verstärkt Elektrofahrräder leiht und damit längere Strecken pendelt. Diese Ideen gibt es schon, und jetzt brauchen wir ein Konzept, wie das alles zusammen funktioniert. Und wir müssen die Leute informieren, wie man es sinnvoll nutzt.

Weert Canzler arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Der Politikwissenschaftler forscht vor allem zur Energie- und Verkehrswende. Mit Andreas Knie schrieb er die Bücher “Einfach aufladen: Mit Elektromobilität in eine saubere Zukunft” und “Schlaue Netze: Wie die Energie- und Verkehrswende gelingt”. © David Ausserhofer

ZEIT ONLINE: Es hat seinen Grund, dass sich Elektroautos schlecht verkaufen: Es gibt wenig Ladestationen, vor allem auf dem Land. Kaum ein Elektroauto kommt mit einer Ladung weiter als 300 Kilometer. Dann muss man mindestens zwei Stunden warten, bis es weitergeht. Klingt nicht verlockend.

Canzler: Aus dieser Frage hört man genau das alte Denken heraus: Ich möchte ein privates Auto haben, mit dem ich alles machen kann. Aber das ist doch nicht gottgegeben, sondern hat sich so entwickelt. Da wir sowieso die ganze Zeit Smartphones mit uns herumtragen, wäre es einfach, damit alle Verkehrsmittel auszuleihen.

ZEIT ONLINE: Reicht es, wenn die Verkehrswende nur in der Stadt stattfindet?

Canzler: Die Städte haben Priorität, weil sie auf der ganzen Welt wachsen. Dort sucht man händeringend nach Mobilitätslösungen jenseits des privaten Autos. Auf dem Land gibt es auf absehbare Zeit wenig Alternativen zum privaten Auto, man kann es aber immerhin auf Elektromotor umstellen.

ZEIT ONLINE: Womit wir wieder beim Problem mit der Reichweite wären.

Canzler: In den meisten Fällen genügt die Reichweite vollkommen. Und die Ladestationen werden immer schneller. Zumal die Technik zum Sammeln und Speichern von Solarstrom große Fortschritte macht.

Abgasskandal - "Wir brauchen ganz dringend eine Musterfeststellungsklage" Verbraucherschützerin Jutta Gurkmann erzählt im Video-Interview über die Perspektiven betroffener Diesel-Pkw-Besitzer und Forderungen an die Politik. © Foto: ZEIT ONLINE

Wo soll der ganze Strom herkommen?

ZEIT ONLINE: Sollte der Staat die Verkehrswende steuern, indem er Anreize setzt oder Verbote ausspricht?

Canzler: Beides. Sinnvoll fände ich zum Beispiel eine Sonderabschreibung für gewerbliche Nutzer. Wenn Unternehmen mit einer Umstellung auf Elektroautos Steuern sparen würden, machen die das natürlich. Wir haben ungefähr vier Millionen Flottenfahrzeuge in Deutschland, zum Beispiel Pflegedienste oder Taxis. Die brauchen keine große Reichweite. Und auf Betriebshöfen kann man gut Ladestationen aufbauen. Diesen Vorschlag gibt es schon länger, aber der Finanzminister wollte keine weiteren Subventionen im Steuerrecht. Also entschied sich die Politik für die Prämie beim Kauf von Elektroautos, die jedoch bei Weitem nicht ausgeschöpft wird. Dabei wären Flottenfahrzeuge die einfachste Möglichkeit, der Autoindustrie schnell zu hoher Nachfrage zu verhelfen. In Aachen hat ein Start-up kleine Elektrotransporter für die Post entwickelt. Jetzt hat die Post das Start-up aufgekauft und ist der größte Produzent von E-Fahrzeugen in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Alles wird elektrifiziert – wo soll der ganze Strom herkommen?

Canzler: Aus Wind- und Solarkraft, wir müssen weg vom Kohlestrom. Es gibt in Deutschland viel unausgeschöpftes Potenzial, gerade auf den Dächern. Die Technik dafür ist wahnsinnig günstig geworden. Die entscheidende Frage sind aber die Speicher, weil die Sonne unregelmäßig stark scheint und Speicher noch relativ teuer sind.

ZEIT ONLINE: Also wird der Strom noch teurer?

Canzler: Das ist nicht so einfach. Der Börsenpreis für Strom ist so niedrig, weil die alten Kohlekraftwerke zu minimalen Kosten Strom einspeisen. Die Grünen haben deshalb recht, wenn sie die zwanzig schmutzigsten Kraftwerke vom Netz nehmen wollen, um die Überkapazitäten zu beseitigen. Der Börsenpreis würde steigen, und weil die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sich aus der Differenz vom Börsenpreis zum Verbraucherpreis ergibt, würde auch der Strompreis für Verbraucher sinken. Aber dieser Mechanismus ist schwierig, im Wahlkampf auf den Punkt zu bringen. Und die Großverbraucher haben Interesse an niedrigen Börsenpreisen, weil die den Strom dort beziehen.

ZEIT ONLINE: Schauen wir in die Städte. In Metropolen wie Berlin ist der Nahverkehr schon an der Grenze: Wie sollen den noch mehr Menschen nutzen können?

Canzler: Viele große Städte unterstützen Fahrradverleih, weil sie hoffen, dass die Leute dadurch auch weniger U-Bahn fahren. Ich glaube, dass Pedelecs eine große Rolle spielen werden. Für die braucht man aber entsprechende Fahrrad-Highways, Abstellplätze und Ladestationen. Im Vergleich zu Straßen oder Tunneln für Autos ist das gar nicht so teuer. Die erfolgreichen Fahrradstädte Amsterdam, Wien und Kopenhagen setzen das um.

ZEIT ONLINE: Warum hinkt Deutschland da so hinterher?

Canzler: Es ist ein Henne-Ei-Problem: Wenn es kaum Angebot gibt, ist auch die Nachfrage nicht hoch. Beispiele wie Kopenhagen zeigen aber, dass sich Investitionen in die Infrastruktur lohnen. Dort fahren die Leute selbst im Winter nicht weniger Fahrrad. Die Leute gewöhnen sich daran, auch bei schlechtem Wetter zu fahren und es gibt in einigen Büros Umkleiden und Duschen.

ZEIT ONLINE: Für viele ist der Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad selbst mit E-Bike zu weit.

Canzler: Auch hier braucht es einen gesellschaftlichen Wandel. Wenn man die Arbeitszeiten weiter flexibilisiert und nicht mehr alle um neun Uhr da sein müssen oder Homeoffice üblicher wird, sind auch die S-Bahnen nicht mehr so voll.

"Es geht nicht nur um Ökologie, sondern um Lebensqualität für alle"

ZEIT ONLINE: Und womit mache ich meinen wöchentlichen Großeinkauf?

Canzler: Dafür hole ich mir ein Leihauto. Auch Lastenfahrräder gibt es in Großstädten immer mehr. Viele haben erkannt, dass das mit Elektrounterstützung ziemlich gut geht. Nur braucht man für sie wieder einen Abstellplatz. Und Lastenfahrräder kosten so viel wie ein gebrauchtes Auto.

ZEIT ONLINE: Also nur etwas für Wohlhabende?

Canzler: Richtig. Aber auch hier würde ich mir Leihsysteme wünschen, wie sie gerade in Konstanz und Köln ausprobiert werden. Fürs Gewerbe ist das auch interessant, denn Lastenräder können bis zu 300 Kilogramm transportieren.

ZEIT ONLINE: Wie stellen Sie sich den Fernverkehr vor? Eine Bahnfahrt von Berlin nach München kostet 132 Euro, wenn man nicht sehr früh bucht. Mit dem Auto zahlt man die Hälfte an Spritkosten.

Canzler: Das ist eine Milchmädchenrechnung. Die realen Kosten sind viel höher. Das Auto verliert durch Abnutzung an Wert, ich muss Versicherung und Steuern zahlen. Mit der Bahn fährt man günstiger, wenn man das alles einbezieht. Die Bahnpreise sind aber trotzdem zu teuer.

ZEIT ONLINE: Könnten wir nicht einfach mehr fliegen?

Canzler: Fliegen ist aus ökologischer Sicht das Unsinnigste. Aber weil es keine Kerosinsteuer gibt, ist es sehr günstig. Man sollte einen Beitrag dafür zahlen müssen, dass man mit dem Fliegen das Klima schädigt, dann würde sich das ändern.

ZEIT ONLINE: Dann können es sich Leute mit weniger Geld nicht mehr leisten.

Canzler: Aus dem Dilemma kommen wir nicht mehr raus. Das ist nun mal das Privileg der Wohlhabenden, dass sie sich über den öffentlichen Verkehr hinwegsetzen können.

ZEIT ONLINE: Also ist es Ihnen wichtiger, ökologisch zu denken als sozial verträglich?

Canzler: Es geht ja nicht nur um Ökologie, sondern um Lebensqualität für alle. Warum dürfen in den Städten private Autos einen Großteil des öffentlichen Raums blockieren, obwohl sie 90 Prozent der Zeit nur rumstehen? Das gilt als selbstverständlich, aber wer kein Auto hat, leidet darunter. 

ZEIT ONLINE: Wie soll sich das ändern?

Canzler: Indem die Menschen, die kein Auto haben, sich für ihre Interessen einsetzen. In der Berliner Innenstadt besitzen über die Hälfte der Bewohner kein Auto, trotzdem stehen die überall herum. Wenn man den Kampf nicht aufnimmt, bleibt eben alles, wie es ist.