ZEIT ONLINE: Sollte der Staat die Verkehrswende steuern, indem er Anreize setzt oder Verbote ausspricht?

Canzler: Beides. Sinnvoll fände ich zum Beispiel eine Sonderabschreibung für gewerbliche Nutzer. Wenn Unternehmen mit einer Umstellung auf Elektroautos Steuern sparen würden, machen die das natürlich. Wir haben ungefähr vier Millionen Flottenfahrzeuge in Deutschland, zum Beispiel Pflegedienste oder Taxis. Die brauchen keine große Reichweite. Und auf Betriebshöfen kann man gut Ladestationen aufbauen. Diesen Vorschlag gibt es schon länger, aber der Finanzminister wollte keine weiteren Subventionen im Steuerrecht. Also entschied sich die Politik für die Prämie beim Kauf von Elektroautos, die jedoch bei Weitem nicht ausgeschöpft wird. Dabei wären Flottenfahrzeuge die einfachste Möglichkeit, der Autoindustrie schnell zu hoher Nachfrage zu verhelfen. In Aachen hat ein Start-up kleine Elektrotransporter für die Post entwickelt. Jetzt hat die Post das Start-up aufgekauft und ist der größte Produzent von E-Fahrzeugen in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Alles wird elektrifiziert – wo soll der ganze Strom herkommen?

Canzler: Aus Wind- und Solarkraft, wir müssen weg vom Kohlestrom. Es gibt in Deutschland viel unausgeschöpftes Potenzial, gerade auf den Dächern. Die Technik dafür ist wahnsinnig günstig geworden. Die entscheidende Frage sind aber die Speicher, weil die Sonne unregelmäßig stark scheint und Speicher noch relativ teuer sind.

ZEIT ONLINE: Also wird der Strom noch teurer?

Canzler: Das ist nicht so einfach. Der Börsenpreis für Strom ist so niedrig, weil die alten Kohlekraftwerke zu minimalen Kosten Strom einspeisen. Die Grünen haben deshalb recht, wenn sie die zwanzig schmutzigsten Kraftwerke vom Netz nehmen wollen, um die Überkapazitäten zu beseitigen. Der Börsenpreis würde steigen, und weil die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sich aus der Differenz vom Börsenpreis zum Verbraucherpreis ergibt, würde auch der Strompreis für Verbraucher sinken. Aber dieser Mechanismus ist schwierig, im Wahlkampf auf den Punkt zu bringen. Und die Großverbraucher haben Interesse an niedrigen Börsenpreisen, weil die den Strom dort beziehen.

ZEIT ONLINE: Schauen wir in die Städte. In Metropolen wie Berlin ist der Nahverkehr schon an der Grenze: Wie sollen den noch mehr Menschen nutzen können?

Canzler: Viele große Städte unterstützen Fahrradverleih, weil sie hoffen, dass die Leute dadurch auch weniger U-Bahn fahren. Ich glaube, dass Pedelecs eine große Rolle spielen werden. Für die braucht man aber entsprechende Fahrrad-Highways, Abstellplätze und Ladestationen. Im Vergleich zu Straßen oder Tunneln für Autos ist das gar nicht so teuer. Die erfolgreichen Fahrradstädte Amsterdam, Wien und Kopenhagen setzen das um.

ZEIT ONLINE: Warum hinkt Deutschland da so hinterher?

Canzler: Es ist ein Henne-Ei-Problem: Wenn es kaum Angebot gibt, ist auch die Nachfrage nicht hoch. Beispiele wie Kopenhagen zeigen aber, dass sich Investitionen in die Infrastruktur lohnen. Dort fahren die Leute selbst im Winter nicht weniger Fahrrad. Die Leute gewöhnen sich daran, auch bei schlechtem Wetter zu fahren und es gibt in einigen Büros Umkleiden und Duschen.

ZEIT ONLINE: Für viele ist der Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad selbst mit E-Bike zu weit.

Canzler: Auch hier braucht es einen gesellschaftlichen Wandel. Wenn man die Arbeitszeiten weiter flexibilisiert und nicht mehr alle um neun Uhr da sein müssen oder Homeoffice üblicher wird, sind auch die S-Bahnen nicht mehr so voll.