Bergmann: Das mag sein. Aber das Plastik, das wir in der Arktis gefunden haben, kommt sicher nicht aus Asien. Und der viele Müll im Mittelmeer auch nicht.

Mir ist es wichtig, Deutschland nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Es wird immer so getan, als würden wir hier allen Müll verbrennen, recyceln oder sicher auf der Deponie halten. Wenn Sie aber durch die Straßen und Parks einer beliebigen deutschen Stadt gehen, dann sehen sie, wie viel Plastik auch hier einfach so weggeworfen wird. Zigarettenkippen allen Ortes. Der Wind weht es in Flüsse, die tragen es ins Meer. Kein Wunder, seit der Einführung des dualen Systems hat die Verpackungsflut zugenommen. Es gibt immer mehr Plastikverpackungen.

Hinzu kommen die ganzen Verpackungen, die wir ins Ausland verkaufen und die dann dort weggeworfen werden. Als führende Exportnation tragen wir auch dafür eine Verantwortung.

ZEIT ONLINE: Welche Länder machen es besser als wir?

Bergmann: Als erstes Land hat Bangladesch im Jahr 2002 Polyäthylentaschen verboten. Es folgten Myanmar, China und einige afrikanische Länder wie Eritrea, Mali, Mauretanien, Südafrika, Tansania und Kenia. In Mauretanien, Mali, Somalia und Ruanda ist es sogar eine Straftat, Plastiktüten herzustellen. Ruanda durchsucht sogar das Gepäck von Besuchern, wenn die am Flughafen ankommen.

ZEIT ONLINE: Mikroplastik, Plastiksuppen – bekommt man das überhaupt wieder aus dem Wasser heraus?

Bergmann: Meiner Meinung nach nicht. Am ehesten kann man es noch in Strandnähe oder an Flüssen aus dem Wasser fischen oder die Strände per Hand säubern. Aber ich halte wenig davon, Müll mit großen Anlagen aus dem Meer zu fischen. Erstens werden diese den Stürmen  nicht standhalten. Zweitens werden sie neben dem Müll auch wertvolle Biomasse entfernen und so mit der Zeit das Ökosystem und die Biodiversität beeinflussen. Drittens sammeln solche Anlagen nur an der Oberfläche und nicht am Meeresgrund, wo sich aber der meiste Müll befindet. Das gößte Problem daran ist aber: Diese Bemühungen schüren falsche Hoffnungen. Sie lenken davon ab, dass wir unseren Konsum und unser Verhalten ändern müssen, und zwar schnell.

ZEIT ONLINE: Was müsste passieren, damit nicht mehr so viel neues Plastik in die Meere gelangt?

Bergmann: Ein wenig passiert ja schon: Manche Länder verbieten Plastiktüten oder Mikroplastik in Kosmetika. Aber das ist nur ein sehr kleiner Teil des Plastikmülls. Und es geht viel zu langsam. 

Ich denke, es geht darum, eine andere Einstellung zum Plastik zu finden. Wir dürften es nicht mehr als billiges Einwegprodukt betrachten, sondern als wertvolle Ressource. Plastik sollte nur dort eingesetzt werden, wo man keine anderen Materialien benutzen kann. Müssen Tomaten wirklich eingeschweißt werden und auch das kleinste Elektronikteil in einer unsinnig großen Plastik-Umverpackung stecken? 

Wir bräuchten wirklich abbaubare Kunststoffe, die von alleine in kurzer Zeit unter normalen Umweltbedingungen, auch im Meer, verrotten und nicht nur in industriellen Kompostieranlagen. Das ist die Aufgabe der Ingenieure. Und die Politik müsste Anreize setzen, damit Verbraucher und Unternehmen Verpackungen sparsamer einsetzen und die Umwelt weniger vermüllen. Vielleicht muss es auch strengere Strafen geben. In London sieht man beispielsweise kaum Hundekot in den Straßen, denn die Strafen sind sehr hoch.

ZEIT ONLINE: Abbaubare Kunststoffe würden aus Pflanzen hergestellt, deren Anbau Land verbraucht. Ist es realistisch, in großem Maßstab darauf zu setzen?

Bergmann: Ganz klar: Letztlich muss es darum gehen, insgesamt weniger zu konsumieren, mehr wieder zu verwerten – und vor allem: weniger zu verpacken.