Auf einer schwarzen Liste der Türkei stehen deutschen Sicherheitskreisen zufolge sehr viel mehr Firmen aus der Bundesrepublik als bislang bekannt. Die Türkei führe insgesamt 681 Unternehmen auf, die sie verdächtige, terroristische Organisationen zu unterstützen, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters und beruft sich dabei auf einen Insider. Zuvor hatte das Handelsblatt unter Berufung auf deutsche Regierungs- und Sicherheitskreise über die deutlich höhere Zahl berichtet.

Bislang war lediglich die Zahl von 68 Unternehmen und Einzelpersonen bekannt, über die die ZEIT diese Woche berichtet hatte. Sie sei an das Bundeskriminalamt (BKA) übermittelt worden und führe Firmennamen wie BASF und Daimler, aber auch einen Spätkaufladen aus Berlin und eine Dönerbude aus Nordrhein-Westfalen, hieß es. Mittlerweile hat BASF bestätigt, dass es vom BKA darüber informiert wurde, auf der Liste zu stehen. Das Handelsblatt berichtet nun weiter, mehrere mit der Liste vertraute Quellen hätten angegeben, an die von der ZEIT genannte Zahl müsse "aber noch eine Null gehängt werden". Demnach befänden sich mindestens 680 deutsche Unternehmen auf der Liste, darunter auch kleine vor Ort tätige Unternehmen.

Die Vorwürfe gegen die deutschen Unternehmen seien "völlig abstrus", hieß es demnach in deutschen Regierungskreisen. Auch das BKA teilte mit, es werde sich nicht um Bearbeitung kümmern, "da die darin enthaltenen Angaben und Vorwürfe unkonkret sind".

Die türkische Regierung bestritt die Existenz einer solchen Liste. Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi sagte am Donnerstag, entsprechende Berichte seien falsch. Mit Aussagen, die nachhaltigen wirtschaftlichen Schaden anrichten könnten, müsse man sich zurückhalten, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Deutschland muss Kommentare, die unangebracht sind, überprüfen", sagte Zeybekçi.

Auch versuchte Zeybekçi, deutsche Investoren zu beruhigen, nachdem Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) angekündigt hatte, die Bundesregierung werde ihre Beziehungen zur Türkei – insbesondere im Bereich der Wirtschaftspolitik – überdenken. "Alle deutschen Investitionen in der Türkei sind zu 100 Prozent abgesichert durch die türkische Regierung, den Staat und das Gesetz", sagte der türkische Wirtschaftsminister.

Bundesregierung droht mit weiteren Schritten

Die Bundesregierung fährt indes eine harte Linie gegenüber der Türkei, nachdem deutsche Staatsbürger in der Türkei unter Terrorverdacht festgenommen wurden. Mitten in den Sommerferien verschärfte das Auswärtige Amt die Reisehinweise für die Türkei. Es werden nicht mehr nur Gruppen wie Journalisten, sondern alle Deutschen gewarnt, dass sie unter dem Verdacht der Unterstützung von Terrororganisationen verhaftet werden könnten, hieß es.

Zudem soll geprüft werden, ob die Exportbürgschaften für deutsche Lieferungen in die Türkei ausgesetzt werden. Die deutschen Rüstungsexporte an den Nato-Verbündeten werden neu bewertet.

Die Bundesregierung schließt auch weitere Schritte nicht aus. "Wir werden zu jedem Zeitpunkt prüfen, ob weitere Beschlüsse notwendig sind. Und die werden wir dann gegebenenfalls auch öffentlich verkünden", sagte Kanzleramtsminister Peter Altmaier im ZDF. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sieht nach der Inhaftierung des deutschen Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner Reisen in die Türkei skeptisch. "Klar ist: Wer in die Türkei reist, verbringt seinen Urlaub leider nicht in einem Rechtsstaat", sagte er der Bild-Zeitung.