Zum Auftakt seiner Europareise hat sich US-Präsident Donald Trump betont selbstbewusst gezeigt. In ein paar Sätzen lobte er sich selbst für wirtschaftliche Erfolge. "Aktienkurs auf einem Allzeithoch, Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit Jahren nicht (Löhne werden steigen) und die Basis war noch nie stärker", zählte Trump auf Twitter die vermeintlich beeindruckenden Eckdaten auf. In einem zweiten Tweet legte er nach und pries die "wirklich großartigen Zahlen" vom Arbeitsmarkt und aus der Wirtschaft. "Die Dinge kommen in Bewegung und wir haben gerade erst angefangen!"

Tatsächlich ist die Arbeitslosenquote seit der Amtsübernahme im Januar von 4,8 Prozent auf 4,3 Prozent gefallen. An der Börse erreichten die Kurse ein Rekordhoch nach dem anderen – in Erwartung einer unternehmerfreundlicheren Politik aus Washington. Neben den Konsumenten blicken entsprechend auch die Unternehmen optimistischer in die Zukunft: Samsung, der koreanische Elektronikkonzern, kündigte erst in der vergangenen Woche an, in den kommenden drei Jahren fast tausend Stellen in seinem Werk in South Carolina schaffen zu wollen. Walmart, der größte private Arbeitgeber im Land, plant in diesem Jahr gar zehntausend neue Jobs. 

Immobilien, Arbeitsmarkt und Autoindustrie schwächeln

Trotzdem ist der Stolz des Präsidenten nach sechs Monaten im Amt voreilig. Denn neben den vermeintlich guten Zahlen gibt es viele Entwicklungen, die die Ökonomen im Land beunruhigen: Der Immobilienmarkt, eine der Säulen der US-Wirtschaft, ist wieder deutlich abgeflaut. Die Fabriken produzierten im Mai zum zweiten Mal in Folge weniger als noch im Vormonat, die Nachfrage nach Gebrauchsgütern wie Möbeln und Elektronik stagniert. Auch der Arbeitsmarkt ist bei genauerer Betrachtung nicht so gesund wie von Trump behauptet: Mit den 362.000 Jobs, die zwischen März und Mai geschaffen worden, erlebt die Wirtschaft das schwächste Dreimonatswachstum seit Mitte 2012.

Anhaltend schlechte Nachrichten gibt es auch von den Autoherstellern: Die Branche, nach wie vor das Herz der amerikanischen Schwerindustrie, steckt nach dem Rekordjahr 2016 in der Krise und meldete gerade zum vierten Mal in Folge sinkende Verkaufszahlen: Ford kündigte an, angesichts der schwachen Aussichten zehn Prozent seiner Belegschaft in Nordamerika und Asien abbauen zu wollen, General Motors steigt wegen der Schwächephase vorsichtshalber aus dem indischen Markt aus. Die Hersteller versuchen, die Kunden mit langen Kreditlaufzeiten und niedrigen Zinsen zu ködern – eine Taktik, die den Markt noch zusätzlich schwanken lässt.

"Die Angeberei ist unangebracht", fasst es der Ökonom Gary Burtless vom Thinktank Brookings Institution zusammen. Die Entwicklungen, mit denen Trump sich jetzt brüste, seien zudem viel langfristiger – und hätten schon unter seinem Amtsvorgänger Barack Obama eingesetzt. Noch in seiner Antrittsrede hatte Trump versprochen, in den kommenden zehn Jahren etwa 25 Millionen neue Jobs schaffen zu wollen und die Messlatte damit entsprechend hoch gelegt. Zugleich peilte er schon für das laufende Jahr ein Wirtschaftswachstum von jährlich vier Prozent an. "Selbst konservative Ökonomen halten diese Schätzungen für unrealistisch", sagt Burtless. Die Rechnungsbehörde Congressional Budget Office gab erst in der vergangenen Woche eine eigene Schätzung für das laufende Jahr heraus. Die Prognose: Die Wirtschaft werde 2017 um 2,1 Prozent wachsen – nur, um in den Jahren 2019 und 2020 wieder deutlich zu schrumpfen.

Trump weckt Hoffnungen, seine Mitarbeiter rudern zurück

Mit seinen Versprechungen hat Trump dafür gesorgt, dass zwischen Realität und Vision eine gewaltige Lücke klafft – und die eigenen Angestellten vor ein Dilemma gestellt. Mehrmals mussten Finanz- und Wirtschaftsministerium die Erwartungen für das Wachstum offiziell zurückschrauben, in ihrem Haushaltsplan sprach die Regierung zuletzt von "nur" noch drei Prozent – ein Ziel, das Experten noch immer für sehr optimistisch halten. Finanzminister Steven Mnuchin warnte während einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche vor zu viel Optimismus und vertröstete die Journalisten: Es brauche Zeit, bis die Ziele erreicht seien. "Das wird nicht dieses Jahr passieren, das wird nicht nächstes Jahr passieren. Es wird dauern, bis die gewünschten Effekte eintreten."

Bislang allerdings liegen die großen Vorhaben wie etwa die Steuerreform oder die milliardenschweren Infrastrukturmaßnahmen – mit denen Trump Investitionen ankurbeln und den Arbeitsmarkt in Schwung bringen will – auf Eis, weil sich die Republikaner in Streitereien um die Details verlieren. "Es stellt sich die Frage, wie viel davon letztlich überhaupt umgesetzt wird", so Ökonom Burtless.

Das Team um Trump versucht, dem Kongress die Verantwortung zuzuschieben: Damit das Wachstum wie versprochen anziehen könne, sagte Steven Mnuchin vor einer Woche, müsse der Kongress Trumps Agenda so schnell wie möglich umsetzen. 

Doch selbst wenn es politische Erfolge geben sollte: Ökonomen und Opposition sind gleichermaßen skeptisch, dass die vorgeschlagenen Reformen wirklich zu einer Stärkung der US-Wirtschaft führen. Die großzügigen Steuernachlässe für Spitzenverdiener und Unternehmen würden vor allem den Schuldenberg erhöhen und somit künftiges Wachstum eher ausbremsen. Der Infrastrukturplan wiederum werde zwar kurzfristig neue Stellen schaffen, wenn Brücken, Flughäfen und Straßen grunderneuert würden. Der Effekt werde aber bereits wieder verpufft sein, noch bevor klar sei, wie die Ausgaben gegenfinanziert würden.

Zudem gibt es grundlegende Herausforderungen wie eine alternde Erwerbsbevölkerung oder eine anhaltend niedrige Erwerbsquote, gegen die auch der amtierende Präsident kurzfristig nur wenig unternehmen kann. Im Gegenteil, meint Gary Burtless: "Mit seiner Skepsis gegenüber Zuwanderung wird Trump die negative Entwicklung beschleunigen." Und auch die seit Monaten laufende Debatte um eine mögliche Gesundheitsreform sorgt für wachsende Unsicherheit in einer Branche, die immerhin für 20 Prozent des Bruttosozialprodukts verantwortlich ist.

Wer Versprechen bricht, verliert Stimmen

Noch sei es allerdings viel zu früh, um mögliche Effekte der neuen Regierung überhaupt zu sehen, sagt Ökonom Burtless. Doch sollte die Realität über lange Sicht weit hinter den Versprechungen zurückbleiben, könnte das nicht nur den US-Amerikanern die Laune verderben, sondern den Präsidenten auch Stimmen kosten. Derzeit, so die Ökonomin Lindsey Piegza im Gespräch mit der Washington Post, habe Trump schlicht das Glück, dass bei den Amerikanern nach Jahren der Rezession eine gewisse "Pessimismus-Müdigkeit" eingesetzt habe. "Es ist zwar nicht großartig, aber besser wird es nicht, also feiern wie die Mittelmäßigkeit."