Jörn Wahl würde auch Legastheniker einstellen. Doch die Rechtschreibkenntnisse sind nicht das Problem bei den jungen Menschen, die sich bei seiner Logistikfirma um eine Ausbildung zum Lastwagenfahrer bewerben. "Wir haben sehr niedrige Anforderungen, aber vielen Bewerbern trauen wir nicht zu, die teuren Lastwagen mit der teuren Ladung sicher ans Ziel zu bringen", sagt Wahl. "Dazu scheinen einige intellektuell nicht in der Lage."

Wahl würde in seinem Bielefelder Unternehmen gerne jährlich vier Berufskraftfahrer ausbilden. Fast jeden Bewerber lädt er auch zum Vorstellungsgespräch ein. "Die sind in der Regel 20 bis 22 Jahre alt und haben in ihrem Leben noch nichts geschafft außer ihren Hauptschulabschluss", sagt Wahl. Trotzdem gibt er ihnen eine Chance – und wird beim Vorstellungsgespräch fast immer enttäuscht. Nur wenige machen auf ihn einen vertrauenswürdigen Eindruck.

Wahl sieht selbst ein, dass der Beruf nicht besonders attraktiv ist: "Ich wollte ja auch nicht Tag für Tag nur die Stoßstange vom Vordermann sehen." Hinzu komme die Nachtarbeit.

Wahl geht auf Berufsmessen, um für seine Firma und den Beruf des Brummifahrers zu werben. Bisher hat er es so noch jedes Jahr geschafft, seine selbstgesteckte Mindestanzahl von zwei Auszubildenden zu erreichen. Und wenn es irgendwann nicht einmal mehr dafür reicht? Dann werde er über Onlineanzeigen nachdenken, sagt Wahl.

Rund zweieinhalb Millionen Arbeitslose leben laut offizieller Statistik in Deutschland. Hinzu kommt eine weitere Million, die zwar faktisch ohne Arbeit ist, aber aus verschiedenen Gründen nicht in der Zählung auftaucht – etwa weil sie gerade krank sind oder in einer Fortbildung stecken. In Summe also 3,5 Millionen Menschen, die offiziell eine Arbeit oder Ausbildung suchen. Demgegenüber stehen rund 1,1 Millionen unbesetzte Stellen.

Nicht nur Chefs wie Wahl fragen sich angesichts dieser Zahlen: Wie kann es gleichzeitig so viele offene Stellen und so viele Arbeitslose geben? Wieso kommen die beiden Seiten nicht zusammen?

Die Antwort hat vor allem damit zu tun, dass der deutsche Arbeitsmarkt nicht so gut aufgestellt ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Zwar sind die Erwerbstätigenzahlen historisch hoch und die Arbeitslosenzahlen historisch niedrig. Doch davon profitieren vor allem die oberen und mittleren Schichten.

Ganz unten ist von dem Aufschwung wenig zu spüren. "Für Ungelernte oder Niedrigqualifizierte ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt noch immer angespannt, für sie haben sich die Aussichten in den vergangenen Jahren kaum verändert", sagt Alexander Kubis, Leiter der Stellenerhebung beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).  Gleichzeitig fehlen in Deutschland bis 2030 drei Millionen Fachkräfte, prognostiziert das Forschungsinstitut Prognos.

Die Grenze zwischen Langzeitarbeitslosigkeit und Job wird immer undurchlässiger

Seit Jahren entwickelt sich auf dem Arbeitsmarkt eine Zweiklassengesellschaft. Die Aussichten für Facharbeiter und Schlechtausgebildete koppeln sich immer stärker voneinander ab. Vier Belege für diese Entwicklung.

1. Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger und Langzeitarbeitslosen sinkt deutlich schwächer als die allgemeine Arbeitslosigkeit. Die offiziellen Arbeitslosenzahlen sanken seit 2009 um rund 23 Prozent, gleichzeitig ging die Zahl der Hartz-IV-Empfänger nur um gut neun Prozent zurück.

2. Lediglich ein Fünftel der derzeit offenen Stellen richtet sich laut IAB an Arbeiter ohne Berufsabschluss oder Ausbildung. Für einen Großteil der zu besetzenden Jobs kommen Schlechtausgebildete also gar nicht infrage, sie profitieren demnach auch wenig von der Rekordzahl von 1,1 Millionen offenen Stellen.

3. Wer einmal in die Arbeitslosigkeit rutscht, kommt immer schwerer wieder heraus. Denn statt Arbeitslose rekrutieren viele Firmen gerne Angestellte von anderen Firmen. "Wir sehen, dass neue Stellen immer häufiger mit Personen besetzt werden, die aus einem anderen Job kommen. Die sogenannten Sockelarbeitslosen haben es schwer, wieder Fuß zu fassen", sagt Arbeitsmarktökonom Kubis.

4. Die Grenze zwischen Langzeitarbeitslosigkeit und Job wird immer undurchlässiger. Konnte 2010 noch immerhin jeder vierte Hartz-IV-Empfänger die Langzeitarbeitslosigkeit durch eine neue Stelle verlassen, fand 2016 nur noch jeder sechste neue Arbeit, wie das Arbeitsministerium im Juni mitteilte. Ein Hauptgrund: Immer mehr Langzeitarbeitlose scheitern an "Vermittlungshürden", wie es im Behördendeutsch heißt. Häufig sind das chronische Krankheiten, Suchtprobleme oder keine Berufsausbildung.

Diese Spaltung des Arbeitsmarkts ist gefährlich, denn sie zementiert auch soziale Schichten: Akademiker und Fachkräfte sind in aller Regel besser ausgebildet und wohlhabender als Hilfsarbeiter, dennoch profitieren vor allem sie von einem brummenden Arbeitsmarkt. Sie sind doppelte Gewinner, Schlechtqualifizierte hingegen doppelte Verlierer.

Zu wenige oder schlecht qualifizierte Bewerber

Für Firmen bedeutet das: Wenn Arbeitslose immer schlechter im Arbeitsmarkt integriert sind, schrumpft der Pool an potenziellen Mitarbeitern. Mehr als 36 Prozent aller Stellen können laut IAB mittlerweile nur noch mit Schwierigkeiten besetzt werden, 2010 lag der Anteil noch bei 29 Prozent. Die Firmen klagen dabei vor allem über zu wenige oder unzureichend qualifizierte Bewerber.

Von einem "flächendeckenden Fachkräftemangel" könne man zwar nicht sprechen, sagt IAB-Experte Kubis. Regionale Engpässe könnten trotzdem auftreten. "Im Süden werden mehr Arbeitskräfte gesucht als im Norden, in Städten durchschnittlich mehr als auf dem Land." Außerdem auffällig: Unternehmen aus dem Gesundheitswesen oder der Baubranche melden immer mehr unbesetzte Stellen. Für Baufirmen hat sich die Zahl laut IAB innerhalb der vergangenen sieben Jahre beinahe verdoppelt.

Ein Problem dieser nichtakademischen Berufe: Immer mehr Jugendliche ziehen die Uni der Ausbildung vor. Trotzdem ist es laut IAB-Ökonom Kubis falsch, diese Akademisierung aufhalten zu wollen – stattdessen solle man die entstehenden Lücken mit bislang schlecht Ausgebildeten füllen. "Die Lösung ist nicht, jemanden vom Studieren abzuhalten. Es gibt genügend Menschen, die man schrittweise qualifizieren kann, um diese Lücke zu schließen", sagt er.

Die Hauptaufgabe liege dabei bei den Betrieben. "Sie müssen wieder mehr Interessenten für die Stellen begeistern, etwa durch höhere Löhne oder attraktivere Arbeitsbedingungen." Das könnte auch dabei helfen, die relativ konstant große Gruppe von einer Million Langzeitarbeitslosen zu verkleinern – und auch sie endlich wieder am Boom auf dem Arbeitsmarkt teilhaben zu lassen.