Millionen Menschen in Deutschland spüren es jeden Tag: Ihr Arbeitsalltag verändert sich rasant. Das Digitale durchdringt das Berufsleben immer stärker, die Automatisierung nimmt zu, ganz neue Berufsfelder entstehen und andere sterben aus. Welche Folgen hat das für den Menschen und wie lässt sich dieser Wandel mitgestalten? Wir haben ver.di-Chef Frank Bsirske mit dem Digitalexperten Christoph Bornschein an einen Tisch gesetzt, um über diese Fragen zu diskutieren.

ZEIT ONLINE: Herr Bsirske, hat ver.di den Anschluss an die Digitalisierung in der Wirtschaft verschlafen?

Frank Bsirske: Nein, wir sind mittendrin. Ich war vor einiger Zeit auf einer Betriebsversammlung des Versandhändlers Amazon. Dort kam ein Kollege auf mich zu und zeigte mir eine Abmahnung, also eine Kündigungsandrohung für den Wiederholungsfall, wegen so wörtlich "zweimaliger Inaktivität innerhalb von fünf Minuten". Die Beschäftigten in den Lägern tragen Scanner, mit denen sie in Echtzeit im Arbeitsprozess verfolgbar sind. Protokolle über Inaktivität gehören da zum Führungsinstrumentarium: Die Leute sollen laufen, nicht stehen. Was wir dort erleben, ist transparente Kontrolle mit Daten als Herrschaftsinstrument, eine der großen Herausforderungen für die Zukunft der Arbeit unter Bedingungen der Digitalisierung.

ZEIT ONLINE: Und was unternehmen Sie als Gewerkschaft dagegen?

Bsirske: Wir haben den Kollegen vor Gericht vertreten. Erfolgreich. Die Abmahnung musste zurückgenommen werden. Aber das ist längst nicht alles: Wir haben Tarifverträge zum mobilen Arbeiten zum Beispiel mit der Telekom vereinbart. Wir führen intern eine intensive Debatte darüber, wie mit den Herausforderungen der Digitalisierung umgegangen werden kann und wie wir darauf Einfluss nehmen müssen. Die Digitalisierung kann viele Freiheitsräume eröffnen, beispielsweise kann Arbeit unabhängiger von Zeit und Ort werden, aber es gibt auch ein klares Bewusstsein dafür, dass sich das nicht von selbst erschließt.

ZEIT ONLINE: Herr Bornschein, wie sehen Sie das als Digitalexperte: Lässt sich der Vorsprung der Unternehmen in der Digitalisierung von den Gewerkschaften überhaupt noch einholen?

Christoph Bornschein ist Mitgründer und Geschäftsführer der Beratungsagentur TLGG. Sie unterstützt Unternehmen dabei, den digitalen Wandel umzusetzen. © Daniel Bockwoldt/dpa

Christoph Bornschein: Ich sehe da gar nicht unbedingt einen Vorsprung, vielleicht nicht einmal eine Konkurrenz. Letztlich stehen Gewerkschaften und Unternehmen vor großen Gestaltungsaufgaben und das in einem Umfeld verfehlter Industriepolitik. Was heißt das? Wir haben relativ lange in diesem Land keine eigene digitale Ökonomie aufgebaut, sondern sind in die Abhängigkeit von einem anderen Wirtschaftsraum mit einem anderen Wertekanon geraten – dem der USA.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit Abhängigkeit?

Bornschein: Wir haben ein digitales Handelsdefizit und massiven Mittelabfluss durch Plattformen wie Facebook und Google aus der EU heraus in die USA. Aber neben den Mitteln fließt auch die Kontrolle ab. Gewerkschaften und Unternehmen sind nun gefordert, diese Probleme zu sortieren und tiefgreifende Veränderungen im Sinne ihrer Partner und Mitglieder zu begleiten und zu moderieren – ökonomisch effektiv und sozial integrativ. Dabei hält sich die Politik noch zu sehr mit eigenen Lösungen zurück.

ZEIT ONLINE: Es besteht doch bereits ein digitales Koordinatensystem. Start-ups verkörpern Fortschritt und Modernität, da gelten Gewerkschaften als uncool. Wie kann man darauf reagieren?

Frank Bsirske ist Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Ver.di vertritt Hunderttausende Menschen in Berufen, die stark von dem digitalen Wandel betroffen sind. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Bsirske: Digitalisierung ist mehr als die Start-up-Ökonomie. Wir erleben in den Betrieben, wie der digitale Umbruch sich ausbreitet. Gerade in unserem Bereich haben wir es mit Branchen zu tun, die Vorreiter der Digitalisierung sind: Telekommunikation, IT, Medien, Finanzwirtschaft. Wie organisieren in ver.di auch fast 40.000 Soloselbständige, die stark mit der Digitalisierung zu tun haben und die sich über uns vernetzen. Wir rücken gerade das Thema soziale Sicherung dieser Soloselbständigen stärker in den Fokus der Politik. Wir bieten auch den Mitarbeitern in Start-ups eine Plattform an, wenn die ihre Lebenssituation verbessern wollen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret bezogen auf die bekannten Internetunternehmen?

Bsirske: Seit geraumer Zeit stehen wir in Auseinandersetzung mit Amazon, um auch dort einen Tarifvertrag durchzusetzen, der die Beschäftigten besser schützt. Mit Zalando haben Tarifverhandlungen bereits begonnen. Das sind – zusammen mit dem schon tarifierten Otto-Versand – die großen Plattformbetreiber im Geschäft mit den Endkunden, einem Bereich, wo Google, Facebook, Amazon einen enormen Vorsprung vor europäischen Firmen haben. Wenn Christoph über die Notwendigkeit einer auf die Digitalisierung gerichteten Industriepolitik gesprochen hat, so stimme ich ihm völlig zu. Wir brauchen den europäischen digitalen Binnenmarkt und eine Industriepolitik in Sachen Digitalisierung.