ZEIT ONLINE: Dafür müssen die Gewerkschaften aber auch akzeptiert werden von einer neuen, digitalen Generation von Angestellten und Selbstständigen. Deshalb zurück zur Stilfrage: Kann man mit Warnwesten und roten Fahnen noch Arbeitskampf in der Digitalbranche führen?

Bornschein: Sicher, es gibt hier Anpassungsschwierigkeiten. Die betreffen aber nicht nur den Arbeitskampf, sondern das traditionelle deutsche Verständnis von Arbeit an sich. Wir gehen ja noch immer von relativ geregelten Beschäftigungsverhältnissen und linearen Erwerbsbiografien aus: 40 Jahre derselbe Job. Aber alle – Gewerkschaften, Unternehmen, Sozialsysteme – ringen gerade mit einer explodierenden Vielfalt der Arbeitsmodelle. Fassen wir angesichts dessen noch alle Beschäftigungsverhältnisse richtig an, mit den Mitteln, die wir in einer anderen Zeit entwickelt haben? Ich denke nicht. Und da stellen sich grundsätzlichere Fragen als die nach der Warnweste. Es stimmt ja: Man erreicht das Verbindungsbüro des Gewährsmanns nicht mehr so gut, wenn man dezentral arbeitet.

Bsirske: Es wäre in der Tat ein schwerer Fehler, wenn sich die Gewerkschaften weiterhin auf das normale Arbeitsverhältnis verengen und an dem Dualismus festhalten: angestellt oder arbeitslos. Faktisch bekommen wir immer mehr gemischte Arbeitsverhältnisse, in denen ein Job im Angestelltenverhältnis neben einer freien Beschäftigung steht oder einem Clickworker, also einfachen Tätigkeiten im Netz – mit Soloselbständigkeit, mit Werkverträgen und ähnlichen Modellen. Angesichts dieser Vielfalt und der absehbaren Entwicklungen bereitet uns die Frage, ob die Warnweste oder der heiße Arbeitskampf an sich noch zeitgemäß ist, weniger schlaflose Nächte. Auch in der Digitalbranche wird es im Zweifel um aufmerksamkeitsstarken Protest und Verhandlungskompetenz gehen.

ZEIT ONLINE: In Berlin haben sich gerade Hunderte Fahrradfahrer der Online-Essenslieferdienste Foodora und Deliveroo gewerkschaftlich organisiert, aber nicht bei ver.di. Ist das nicht eigentlich Ihre digitale Klientel, Herr Bsirske?

Bsriske: Man kann in dieser Situation nicht mehr als ein Angebot machen. Wie kommt man zu einem Tarifvertrag? Wenn Kolleginnen und Kollegen in einem Betrieb sagen, wir schließen uns zusammen. Geschenkt bekommt man ihn nicht. Wenn die Fahrer von Foodora und Deliveroo sich in einer kleinen Gewerkschaft mehr Chancen ausrechnen, dann ist das ok. Ich würde hier eher an die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) denken, auch wegen der ökonomischen Macht. Die NGG hat übrigens gerade aktiv die Bildung eines Betriebsrates bei Foodora in Köln begleitet. Mit Erfolg.

Bornschein: Klar ist, der Zugang zu einer Gewerkschaft muss sich anpassen an moderne Lebensverhältnisse. Foodora und Deliveroo sind dafür ein sehr gutes Beispiel. Die Fahrer sind inzwischen überall präsent in der Stadt, noch vor gut eineinhalb Jahren gab es sie nicht. Es dauert zu lange, bis wir uns an diese neuen Arbeitsmodelle anpassen.

ZEIT ONLINE: Ist für Menschen, die nur locker an ein Unternehmen angebunden sind, die Hürde zu einem Eintritt in die Gewerkschaft zu hoch?

Bornschein: Wir brauchen auch hier eine Aktualisierung. Man kann sich beispielsweise ansehen, wie die Parteien ihre Zugänge verändert haben. Es geht schon mit der Frage los, ob ich einfach nur digital einer Partei beitreten kann oder eben nicht. Damit wurde lange gerungen. Und die Gewerkschaften müssen sich auch stärker auf solche Modelle einlassen.

Bsirske: Genau das tun wir bereits. 35 Prozent der Eintritte bei ver.di erfolgen momentan schon online, also vollkommen digital. Wir haben im letzten Jahr über Straßenwerbung mehr als 5.000 Mitglieder neu dazugewonnen, die Abgänge sind da schon eingerechnet. Wir haben auch über das Onlinemarketing knapp 5.000 Eintritte gehabt im letzten Jahr und dabei ist ganz klar zu sehen, dass im Netz Suchworte wie Mobbing oder Kündigungsschutz eine große Rolle spielen. So kommen die Menschen auf unsere Angebote, erhalten eine erste Beratung und noch mehr Hilfe, wenn sie eintreten.

ZEIT ONLINE: Das heißt, der Zugang ändert sich?

Bsirske: Er hat sich längst geändert. Das läuft anders als bisher im Betrieb, also klassisch über den Betriebsrat und den gewerkschaftlichen Vertrauensmann oder die Vertrauensfrau. Und die Start-ups sind dabei nicht das größte Problem, wir haben zum Beispiel im Einzelhandel 240.000 Unternehmen mit noch viel mehr Filialen, in denen es zum Teil überhaupt keine Betriebsräte gibt. Auch für hybride Beschäftigungsformen, also wenn sich abhängige und selbstständige Arbeit vermischt, für Soloselbständige bieten wir online Beratungsangebote, die gegen Gebühr erfolgen kann oder für Mitglieder kostenlos. Wir haben uns für diese Beschäftigtenformen geöffnet, die lange als atypisch bezeichnet wurden, aber mittlerweile schon einen bedeutenden Anteil am Arbeitsmarkt haben.

Bornschein: Da sehe ich die Rolle der Gewerkschaften allerdings noch etwas größer. Ich nehme durchaus auch Soloselbständige wahr, die gut bezahlte Wissensarbeiter sind – mit Clickworkern oder dem traditionellen Bild des schutzbedürftigen Arbeiters hat das nicht mehr viel zu tun. Finden die sich in dem wieder, was Gewerkschaften heute machen? Eher nicht. Wir als Gesellschaft brauchen wieder eine Diskussion über die Rolle der Arbeit, ihre Funktion und ihre Ausprägungen. Die Relevanz des Themas deutlich zu machen, Lösungen zu entwickeln – da sehe ich die Gewerkschaften.