Wer wenig hat, dem wird genommen – Seite 1

Als Cornelia Wagner* vor zwölf Jahren ihre Ausbildung zur Industriekauffrau beendet hatte, ging sie noch davon aus, ein Leben lang in diesem Beruf zu arbeiten. "Mir machte der Job Spaß, ich hatte einen guten Arbeitgeber, nette Kollegen, mein eigenes Gehalt", sagt sie. Als Wagner 2009 ihren damaligen Freund heiratete und kurz darauf schwanger wurde, war für sie klar: Sie würde nach der Geburt ihres Kindes nur eineinhalb, zwei Jahre zu Hause bleiben, ehe sie zurück in ihren alten Beruf ginge.

Doch mittlerweile sind aus zwei Jahren fast acht geworden. Wie konnte das passieren?

Es ist nicht so, dass Wagner keine Lust auf Arbeit hat oder es keine passende Stelle gegeben hätte. Wagner stellte lediglich eine einfache Rechnung auf – und dabei fest: Eine Rückkehr in den Job lohnt sich finanziell für sie nicht. Durch ihren Ehemann, Beamter im Justizdienst, ist Wagner finanziell ohne Sorgen, über ihn ist sie auch krankenversichert. Das Ehegattensplitting ermöglicht dem Paar zudem, von einem niedrigen Steuersatz zu profitieren.

"Die Nachteile haben einfach überwogen"

Wagner stand also vor der Wahl, für einen Halbtagsjob zurück in ihre alte Firma zu gehen und ihr eigenes Geld zu verdienen oder zu Hause zu bleiben – und am Ende des Monats nur rund 300 Euro weniger zu haben, wie ein befreundeter Steuerberater für sie ausrechnete. Die 34-Jährige entschied sich letztlich gegen eine Rückkehr ins Berufsleben. "Die Nachteile haben einfach überwogen", sagt sie.

Eine am Donnerstag veröffentlichte Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung bestätigt die Erfahrungen von Cornelia Wagner: Geringverdiener wie sie profitieren demnach so wenig von Lohnerhöhungen wie keine andere Gruppe – teilweise kann eine Gehaltssteigerung sogar dazu führen, dass die Betroffenen unter dem Strich weniger Geld zur Verfügung haben.

Die Ökonomen untersuchen in ihrer Studie, welcher Anteil an einem zusätzlich verdienten Euro auch tatsächlich im Geldbeutel ankommt. Der Differenzbetrag – also Steuern, Sozialabgaben oder wegfallende staatliche Zuschüsse, die kompensiert werden müssen – wird als sogenannte Grenzbelastung bezeichnet. Er wandert, direkt oder indirekt, in die Staatskasse, zu Krankenkassen oder der Rentenversicherung.

Ein Beispiel: Ein Singlehaushalt mit einem Bruttoeinkommen von 17.000 Euro im Jahr profitiert überhaupt nicht von einem weiteren Euro Lohn; höhere Abgaben und niedrigere staatliche Unterstützung fressen seinen Zuverdienst sofort wieder auf, die Grenzbelastung liegt bei 100 Prozent. Würde derselbe Haushalt jedoch 75.000 Euro jährlich verdienen, könnte er von jedem zusätzlichen Euro 56 Cent für sich selbst behalten.

"Der Chef eines Dax-Konzerns braucht solche Anreize nicht"

Die fatale Konsequenz: "Viele Schlechtverdiener sehen kaum finanzielle Anreize darin, höhere Löhne zu verdienen, weil sie einen Großteil sofort wieder abgeben müssen", sagt Andreas Peichl, Leiter des ifo Zentrums für Konjunkturforschung und Mitautor der Studie. Die Betroffenen tappen in eine ähnliche Falle wie Wagner nach der Geburt ihres Sohnes; Arbeit verliert für sie fast vollständig ihren finanziellen Reiz.

Auf der anderen Seite animiert das aktuelle System ausgerechnet die Topverdiener dazu, noch mehr zu arbeiten. "Aber der Chef eines Dax-Konzerns beispielsweise braucht solche Anreize überhaupt nicht", sagt Peichl.

"Ein katastrophales Anreizsystem"

Manchmal können Gehaltserhöhungen sogar ärmer machen. Das liegt an den starren Einkommensgrenzen für viele Zuschüsse, etwa das Wohngeld, mit dem der Staat Bedürftige bei ihrer Miete unterstützt. Liegt ein Arbeiter mit seinem Gehalt knapp unter der Grenze, bis zu der ihm Wohngeld zusteht, kann er durch eine Lohnerhöhung leicht darüber rutschen. Sein Arbeitgeber überweist ihm dann zwar mehr Geld – allerdings fällt dadurch die Miethilfe weg. Es kann sich also finanziell lohnen, die Gehaltserhöhung oder Vollzeitstelle auszuschlagen. "Ein katastrophales Anreizsystem", sagt Peichl.

Politiker nutzen gerne Darstellungen des durchschnittlichen Steuersatzes nach Einkommen, um die Fairness des deutschen Steuersystems zu illustrieren. Man sieht dann eine leicht ansteigende Linie, ohne Brüche oder Knicke. Die Linie symbolisiert: Starke Schultern müssen mehr tragen als schwache, reiche Haushalte mehr abgeben als arme.

Ein Formular für alle Sozialabgaben

Doch das Problem ist: Wenn es um das Resultat im Geldbeutel geht, spielen nicht nur Steuern eine Rolle. Arbeitgeber müssen auch in die Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung einzahlen. "Diese Belastungen werden jedoch häufig nicht berücksichtigt, wenn die Politik über Entlastungen der unteren und mittleren Einkommen diskutiert", sagt Peichl.

Er und seine Kollegen haben in der ZEW-Studie daher auch den Effekt von Sozialabgaben und staatlichen Transferzahlungen berücksichtigt – und eine andere Linie gefunden. Peichls Linie, exemplarisch gezeichnet für eine Alleinerziehende mit einem Kind, verläuft nicht flach ansteigend, sondern vor allem zu Beginn zackig, mit extremen Ausschlägen. Seine Linie symbolisiert: Schwache Schultern müssen häufig mehr tragen als starke, zumindest, wenn um es die relative Belastung geht.

Wie häufig die Extremfälle sind, in denen ein zusätzlicher Euro tatsächlich zu teils massiven Einkommensverlusten führt, kann Peichl nicht sagen. "Die nötigen Daten sind entweder nicht vorhanden oder zu unspezifisch." Das größere Problem sieht er ohnehin in Grenzbelastungen von 80 Prozent und mehr für Schlecht- oder Zweitverdiener, etwa Mütter wie Wagner, die nach der Geburt der Kinder wieder stärker in ihren Beruf einsteigen wollen. "Das klassische Dilemma ist dann: Soll ich mehr arbeiten gehen, wenn ich nur einen kleinen Teil des zusätzlichen Gelds behalten kann?", sagt Peichl.

Der Vorschlag des Ökonomen, um das Problem zu lösen: das Gewirr aus Sozialabgaben, Arbeitslosengeldern und Kinderzuschlägen zu entzerren, indem alle Zahlungen in einer Transferleistung gebündelt werden. "Eine Leistung, ein Amt, ein Formular statt dem bisherigen Wust an Möglichkeiten", sagt Peichl. Und statt schwankender Grenzbelastungen könnte ein fixer Schlüssel von 60 Prozent Unklarheiten bei der Wie-viel-bringt's-mir-mehr-Frage verhindern: Von jedem zusätzlichen Euro gingen dann pauschal 40 Cent an den Arbeitnehmer und 60 Cent an den Staat.

Diese integrierte Lösung sei das beste Instrument, um wieder mehr Anreize für Geringverdiener zu schaffen, glaubt Peichl. Die entstehenden Kosten für den Staat schätzt die Studie auf rund acht Millionen Euro jährlich. Demgegenüber stehen jedoch 137.000 zusätzliche Vollzeitstellen – und ein positiver Effekt auf die ungleiche Einkommensverteilung in Deutschland.

Vielleicht würde dann auch Cornelia Wagner darüber nachdenken, wieder arbeiten zu gehen.

* Name von der Redaktion geändert