Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, an denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

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Andreas Knoblauch stützt die Hände auf den Verkaufstresen seines Geschäfts, er öffnet die Augen weit und sagt: "Es reicht mir." Neben ihm, in den weißen Regalen, liegen gebrauchte Fotokameras, lächeln Passbildgesichter aus den Vitrinen. "An diesem Fotogeschäft hängt meine Existenz", sagt Knoblauch. Er hat das Gefühl, dass das allen egal ist: dem berühmten Investor und seinem Partner, dem Bürgermeister, der Opposition in der Stadt. Er sagt: "Hauptsache, die machen ihr Geld hier."

Knoblauch ist einer der letzten Ladeninhaber im City-Center, einer heruntergekommenen Einkaufspassage, die einmal der Mittelpunkt der Stadt Eschweiler war. Sein Fotogeschäft hat sich wie widerspenstiges Unkraut am Eingang des eingeschossigen Bauwerks festgeklammert. Wenige Meter neben dem Laden versperrt ein Bauzaun den Weg in das Innere des Gebäudes. Dahinter liegen etwa 30 leere Ladenlokale, die Fenster verbarrikadiert oder zerschlagen. Genau in der Mitte: die Ruine des ehemaligen Hertie-Kaufhauses.

Einst verkörperte das City-Center den Wohlstand von Eschweiler. Die Stadt hat fast 60.000 Einwohner und liegt ganz im Westen Deutschlands, in der Nähe von Aachen. Eschweiler ist eine alte Bergbaustadt, jahrelang haben hier die Menschen von der Kohle profitiert. Das City-Center wurde Ende der siebziger Jahre gebaut, als die Stadt noch gut vom Bergbau lebte. Als noch niemand daran dachte, dass ein ehemaliger Rennfahrer und sein Partner zur Hoffnung der Stadt werden würden.

Knoblauch, der seinen Laden seit 2003 hier betreibt, hatte zum ersten Mal in der Zeitung vom Verkauf des City-Centers gelesen. Den einen Käufer kannte er von Formel-1-Rennen der Vergangenheit: Ralf Schumacher, einst Rennfahrer, heute Privatier – geschätztes Vermögen 100 Millionen Euro. Der andere Käufer, so las Knoblauch, war Bernd Pieroth, ein großer, bulliger Mann, der in der Region schon einige Immobilienprojekte abgewickelt hat. Vier oder fünf Millionen Euro sollen die beiden Männer für das City-Center bezahlt haben, munkelt man in der Stadt. Die Summe ist geheim, genau wissen es nur wenige. Auch Knoblauch hat nie etwas von den Investoren gehört, keinen Brief, keine Aufforderung, die Miete künftig woandershin zu überweisen. Nur in der Zeitung hat er von der Euphorie um das City-Center gelesen, die er nicht verstehen kann. "Es ist alles sehr undurchsichtig", sagt Knoblauch.

Andreas Knoblauch in seinem Fotogeschäft © Thilo Schmülgen für ZEIT ONLINE

In Eschweiler hat der Kauf des City-Centers Hoffnung zurückgebracht. Die Bauruine in der Mitte der Stadt galt als Metapher für den wirtschaftlichen Verfall der Stadt. Mit den Plänen der Investoren, so hofften viele, komme wieder das Leben zurück. Im Dezember gaben Schumacher und Pieroth eine Pressekonferenz und zeigten Entwürfe dessen, was auf dem Gelände des ehemaligen City-Centers entstehen soll. Neue Wohnungen und Büroflächen, einige Geschäfte – allerdings weniger und erlesener. Der Einzelhandel habe bereits großes Interesse an dem neuen Bau, sagten die Investoren damals. Seither warten die Bürger darauf, dass die Versprechen sich erfüllen.

Je länger das Warten dauert, desto lauter werden die Fragen: Warum wollen Pieroth und Schumacher gerade in Eschweiler investieren? Und: Warum sollte mit dem neuen Konzept funktionieren, was vorher nicht funktioniert hat? Das einst stolze Hertie-Kaufhaus schloss schließlich wegen Problemen, die der Einzelhandel in anderen Kleinstädten auch kennt: die Konkurrenz durch den Onlinehandel, die Einkaufszentren am Stadtrand. Kunden, die lieber im Umland kaufen als in den Innenstädten. Und dann ist da noch das wirtschaftliche Erbe der Stadt, von dem niemand weiß, ob es Eschweiler nicht auf Jahre hin lähmen wird.

Wolkenmaschine, so nannten die Kinder in Eschweiler das Kraftwerk früher

Markus Jennissen, Ingenieur von RWE im Eschweiler Braunkohle-Kraftwerk © Thilo Schmülgen für ZEIT ONLINE

Markus Jennissen kennt dieses Erbe gut. Er steht auf dem Dach eines Kraftwerks, 120 Meter hoch, und schaut auf Eschweiler. Von hier oben kann man alles sehen: die Kirchturmspitze von St. Peter und Paul, das Rathaus – alles nur wenige Kilometer entfernt. Jennissen, Ingenieur beim Energiekonzern RWE, trägt eine Schutzbrille und Helm. Hinter ihm steigen gewaltige weiße Wolken aus den Kühltürmen in den Himmel. Wolkenmaschine, so nannten die Kinder in Eschweiler das Kraftwerk früher.

Jennissen läuft über das Dach, hinüber auf die andere Seite von Block H, der unter seinen Füßen einen riesigen Stahlkessel beherbergt. Er zeigt auf eine weite Grube, die sich ins Erdreich zwischen die Felder und Wiesen gefressen hat. "Das hier ist der Tagebau Inden. Den Schaufelradbagger kann man gut erkennen."

Von hier oben kann man sehen, wie der Bergbau die Landschaft verändert hat. Man sieht die Bänder, die die Braunkohle aus dem Tagebau in das Kraftwerk befördern. In gigantischen Kesseln wird die Kohle verfeuert, um Wasser zu Dampf zu erhitzen und damit die Turbinen anzutreiben. Aus fossiler Energie wird hier Elektrizität gewonnen, eine Technik, die ein absehbares Ende hat, das weiß auch Jennissen.

Der Ingenieur sitzt nun in einem Besprechungsraum, dessen loftartige Architektur an die sechziger Jahre erinnert, als das Kraftwerk gebaut wurde. "In zehn bis fünfzehn Jahren ist die Kohle aus dem Tagebau Inden aufgebraucht", sagt er. Aus anderen Abbaugebieten im Garzweiler oder Hambach soll dann nichts hierhin geliefert werden.

"Die Unsicherheit ist da"

Jennissen sagt, dass es Überlegungen für die Zeit danach gebe. Das Kraftwerk könnte weiter betrieben werden, etwa mit Gasturbinen. Zwei solcher Anlagen seien schon vorhanden, selbst wenn sie im Moment nicht in Betrieb seien. Auch baut der Konzern Solar- und Windenergieanlagen auf dem Gelände. Dennoch: Von den etwa 1.000 Arbeitsplätzen im Werk und den 1.300 im Tagebau werden nicht viele übrig bleiben. Und in dieser Bilanz sind noch nicht die Arbeitsplätze mitgerechnet, die in Eschweiler indirekt an der Braunkohle hängen.

"Klar", sagt Jennissen, "die Unsicherheit ist da." Er selbst habe vor einigen Jahren ein Haus gebaut für seine Familie. Als Ingenieur aber kann er hoffen, im RWE-Konzern an anderer Stelle des Rheinischen Reviers unterzukommen. Doch was passiert mit den Hunderten anderen? Und was heißt es für Investoren wie Schumacher und Pieroth, wenn künftig weniger Menschen in Eschweiler Arbeit haben könnten und nicht mehr?

Anruf bei den Investoren mit der Bitte, die Pläne zu erklären. Nach einer schriftlichen Anfrage und mehreren Gesprächsversuchen geht Bernd Pieroth ans Telefon und beantwortet ein paar Fragen. Zum Beispiel diese: Das Kraftwerk schließt, viele Arbeitsplätze werden verloren gehen. Warum ist Eschweiler trotzdem interessant?

Die Stadt wächst

Pieroth schweigt kurz, dann lacht er.  "Jut, also", sagt er, seine Stimme klingt tief. "Wir haben uns vor allem angesehen, dass die Bevölkerung in Eschweiler wächst." Das habe sie zu dem Schluss gebracht, dass es genug Nachfrage für den Einzelhandel gebe. "Das sind für uns die Hauptfaktoren." Dass die Bevölkerung von Eschweiler wachse und nicht schrumpfe, sei ein gutes Zeichen. Der Stadt hilft die Nähe zur Universitätsstadt Aachen. Vor einigen Jahren hatte ein Gutachten für Eschweiler einen Rückgang der Bevölkerung um mehr als 5.000 Menschen vorausgesagt, seitdem sind aber mehr als 3.000 Einwohner hinzugekommen. Viele von ihnen arbeiten in Aachen und wohnen im Umland, weil es dort günstiger ist.

Noch eine Frage: Pieroth und Schumacher hatten in der Lokalpresse angekündigt, dass sie neben Gewerbe auch Wohnungen bauen wollten. Aber wer soll diesen Wohnraum mieten? "Das wissen wir noch nicht, ob da wirklich Wohnungen entstehen können", sagt Pieroth plötzlich. Es wäre falsch, in dieser Hinsicht "Ja oder Nein zu sagen". Überhaupt: Zu allem könne er frühestens im Herbst mehr bekanntgeben. Klar sei nur, dass Gewerbe und Büroflächen entstünden. Und wann ist Baubeginn? "Das läuft", sagt Pieroth. "Wenn alles im Plan ist, soll Anfang September mit dem Abbruch begonnen werden." Im Hintergrund klingelt ein Telefon. Pieroth beendet das Gespräch: "Danke, Tschö."

Das Schlimmste verhindern

Je länger man sich mit dem City-Center und mit Eschweiler befasst, desto mehr Unbekannte treten in der Rechnung auf. Was genau soll gebaut werden? Welche Erwartungen haben die Investoren an ihr Projekt und warum haben sie sich bisher nicht im Stadtrat sehen lassen, wie es die Opposition fordert?

Der Weg von der Einkaufspassage hinüber zum Rathaus ist nur wenige Meter weit. An einem langen Holztisch im Bürgermeisterzimmer sitzt Rudi Bertram, der seit 1999 die Stadtverwaltung für die SPD führt – auch in dieser Wahlperiode mit absoluter Mehrheit. Bertram hat als Lokalpolitiker eine Macht, wie sie selbst in Nordrhein-Westfalen nur noch selten ist.

Seit 1999 im Amt: Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram © Thilo Schmülgen für ZEIT ONLINE

Der Bürgermeister trägt Stoppelbart und ein lässig übergeworfenes Sakko. Er strahlt die Gelassenheit von fast zwei Jahrzehnten im Amt aus. Was sagt er zu dem Vorwurf, die Investoren agierten nicht offen genug? "Investoren verlangen meist absolutes Stillschweigen", sagt Bertram. Schließlich verhandelten diese selbst mit Handelsunternehmen um eine Ansiedlung, da könnten zu viele Informationen schädlich sein. Das sei etwas, das er in seiner langen Zeit als Bürgermeister gelernt habe: "Die Kunst der Wirtschaftsförderung besteht darin, nur so viel zu erzählen wie man darf, um nicht das Vertrauen der Investoren zu verlieren." Außerdem stehe der Bebauungsplan für das Gelände des City-Centers seit 30 Jahren fest. Das Bauprojekt könne sich ohnehin nur in diesem Rahmen bewegen.

Bertram sieht die Zukunft für die Stadt keinesfalls düster. "Wir erleben den Strukturwandel hier schon seit vielen Jahren", sagt er. Dennoch wachse die Stadt. Eschweiler biete eine "perfekte Infrastruktur "für Unternehmen, auch weil seine Verwaltung hier "nicht alles kaputtgespart", sondern investiert habe. Die Arbeitslosigkeit sei gesunken, man habe es immer wieder geschafft, neue Unternehmen anzusiedeln.

Es ist eine sehr positive Geschichte von Eschweiler, die Bertram erzählt. Die andere Seite der Geschichte lautet, dass die Stadt mit fast neun Prozent eine deutlich höhere Arbeitslosigkeit als im Durchschnitt des Landes hat. Dass weitere Arbeitsplätze wegfallen werden und die Politik in den kommenden Jahren einiges unternehmen muss, um das Schlimmste zu verhindern. Dass das City-Center noch immer eine Bauruine ist.

Bertram schaut durch die großen Fenster des Rathauses hinaus auf die Stadt. Von hier aus sieht man das City-Center nicht. Die Bäume tragen ihr Sommergrün, die Sonne strahlt auf die Häuser am anderen Ufer der Inde, dem Fluss, der Eschweiler in zwei Hälften teilt. Fast könnte man annehmen, es wäre tatsächlich alles gut in Eschweiler.

Von diesen Orten haben unsere #D17-Reporter bereits berichtet

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