Wirtschaft ist Kultur – Seite 1

Als ich in den neunziger Jahren studierte, gab es unter uns Wirtschaftswissenschaftlern einen Witz: "Soziologen sind diejenigen, die eigentlich Ökonomie studieren wollen, aber nicht so gut rechnen können." Das Traurige an diesem Spruch ist: Eine Vielzahl von Ökonomen würde ihn wohl auch heute noch so ähnlich unterschreiben. Der Kern der modernen Volkswirtschaftslehre ähnelt noch immer und womöglich zunehmend eher einer naturwissenschaftlichen denn einer sozialwissenschaftlichen Disziplin. Das Verhängnisvolle an dieser Sichtweise ist, dass viele Ökonomen stolz darauf sind. Sie feiern die eigenen Methoden als ideologiefrei und deshalb überlegen: Volkswirtschaftslehre, die Königin der Sozialwissenschaften!

Es gibt eine zarte Gegenströmung gegen diesen Kanon an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten, die unter der Bezeichnung Plurale Ökonomik firmiert. Die Bewegung fordert – nomen est omen – eine Öffnung der Ökonomik gegenüber Erkenntnissen aus anderen Disziplinen, etwa den Kognitions- und Neurowissenschaften, aber auch Geschichtswissenschaften oder der Soziologie. Ein breiteres Spektrum von ökonomischen Ansätzen, und nicht nur ein dominanter Mainstream, soll zu einem besseren Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge in der Forschung beitragen und ebenso Studierende zum Nachdenken befähigen, statt sie nur mit theoretischem Standardlehrbuchwissen zu indoktrinieren und abzurichten. Man könnte auch sagen: zu verdummen. Dabei ist man für vieles offen, plural eben.

Die Kritiker an der Kritik lassen nicht lange auf sich warten. Die Dogmatiker entgegnen abgekürzt: "Nur, weil ihr nicht so gut rechnen könnt… ." Die gemäßigten Verteidiger der eigenen Zukunft gehen rhetorisch geschickter vor: "Irgendwie habt ihr ja ein bisschen recht, aber das machen wir doch schon alles." Die Reformbemühungen prallen insofern tendenziell an der traditionellen Volkswirtschaftslehre ab, weil man nicht so recht weiß (oder wissen will), was denn Neues zu tun sei. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

Die Wirtschaftswissenschaften müssen reformiert werden

In der Tat ist an Teilen dieser Verteidigung etwas dran: Die moderne Verhaltensökonomik bezieht heute vermehrt psychologische, neurowissenschaftliche und evolutionstheoretische Überlegungen ein. Unternehmen werden nicht mehr nur als gut geölte Maschinen verstanden, bei denen lediglich die richtigen Hebel umgelegt und an Stellschrauben gedreht werden muss. Systemische Zusammenhänge, etwa auf Finanzmärkten, werden nicht mehr als (kalkulierbare) Risiken begriffen, sondern durch verschiedene Szenarien unter Unsicherheit modelliert, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ist also alles schon da, besteht kein Handlungsbedarf für Reformen in den Wirtschaftswissenschaften? Ich denke: Nein!

Erstens scheinen mir diese Entwicklungen weiterhin eher an den Rändern der Disziplin abzulaufen. Zweitens, und noch wichtiger, betreffen sie nicht den Kern eines notwendigen neuen ökonomischen Denkens. Ich sehe insbesondere bei vier Aspekten einen Handlungsbedarf, die eine prinzipielle Sichtweise des Ökonomischen und der Ökonomik als Wissenschaft betreffen. Adressiert sind die folgenden Themen an beide Parteien: Der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften sollte sich öffnen und weiterentwickeln; die Pluralos sollten ihre Anliegen schärfen. Plural ist sympathisch, birgt aber die Gefahr, alles und deshalb nichts zu umfassen. Das ist auf Dauer zu viel und zu wenig zugleich.

1. Der homo oeconomicus ist tot, lang lebe der homo oeconomicus?

Der homo oeconomicus ist die zentrale Kunstfigur (und kein Menschenbild) der Ökonomen, die ihren Analysen wirtschaftlicher Phänomene zugrunde liegt. Erkenntnisse aus anderen Disziplinen zeigen jedoch, dass Menschen nicht stets ökonomisch rational ihren Nutzen maximieren. Tatsächliches Handeln ist komplexer. Menschen treffen Entscheidungen nie losgelöst, sondern innerhalb bestimmter kognitiver Mind-Sets (frames), oder haben ein Gefühl für Fairness. Solche und ähnliche Aspekte menschlichen Handelns sind längst auch in den Wirtschaftswissenschaften angekommen, wenn auch mit ziemlicher Verspätung.

Was steckt an Ethik drin, was kommt raus?

Eine Vorstellung, die sich jedoch beharrlich hält, ist ein Verständnis von Rationalität in einer sehr spezifischen Form, nämlich als ökonomische Rationalität. Eine Standarddefinition für rationales Verhalten im weitesten Sinne könnte lauten: in einer Situation sinnhaft, reflektiert und unter der Angabe von Gründen zu handeln. Ein Beispiel: Man bekommt an der Kasse zu viel Wechselgeld zurück und weist den Kassierer freundlich darauf hin. Für ein solches Verhalten kann es gute, nicht-ökonomische Gründe geben. Vielleicht ist man einfach eine ehrliche Haut, vielleicht denkt man, der Kassierer muss den Kassenfehlbetrag aus der eigenen Tasche bezahlen.

Für einen Ökonomen wären solche Motive jedoch tendenziell irrational, man könnte das Geld doch einfach behalten und hätte dadurch einen höheren Nutzen. Die Ökonomik spricht hier von Anomalien, denn es ist aus ihrer Sicht eine Abweichung vom ökonomisch-rationalem Verhalten. Moderne wirtschaftswissenschaftliche Ansätze betreiben einiges an Aufwand, um menschliche Entscheidungen und Interaktionen zu ergründen. Sie führen empirische, spieltheoretische Experimente durch oder schieben Probanden gar in die Röhre, um ihre Gehirnströmungen zu messen. Im Grunde jedoch lebt der homo oeconomicus auch in diesen modernen Ansätzen weiter.

Eine neue Ökonomik sollte daher erstens einen erweiterten Rationalitätsbegriff als Grundlage ihrer Untersuchungen verwenden, der zudem, zweitens, nicht nur rein kognitiv angelegt ist (wie wir entscheiden), sondern Dimensionen körperlichen Handelns (Hand wie Handeln) beinhaltet. Forschungen anderer Disziplinen zeigen sehr deutlich, dass menschliches Handeln starke Bezüge zur eigenen Körperlichkeit hat und verkörperlicht ist. Beide Aspekte haben Konsequenzen für die Fragen, wie menschliche Interaktionen und ökonomische Institutionen betrachtet werden können.

2. Die Ökonomik als implizite Ethik

Aus Wertefragen hält sich die traditionelle ökonomische Lehre dem eigenen Bekunden nach gerne heraus. Ein Ökonom braucht analytischen Sachverstand und arbeitet wertneutral. Alles andere sind normative Anmaßungen und hat nichts mit Wissenschaft zu tun, so oder ähnlich schallt es in popperscher Tradition aus den Fakultäten der Wirtschaftswissenschaften. Lassen wir einmal beiseite, dass die normative Postulierung einer rein beschreibenden und erklärenden Wissenschaft schon selbst eine normative Position darstellt. Wesentlich ist, dass Ökonomen aus ihren Untersuchungen Handlungsempfehlungen – beispielsweise für Unternehmen oder Politik – ableiten. Womöglich noch wesentlicher ist nicht die Frage, was hinten als Empfehlung rauskommt – sondern was vorne als normative Annahmen hineingesteckt wird.

Das Analyseinstrument des homo oeconomicus und das Verständnis von Rationalität sind dafür Beispiele. Wenn zum (bewussten oder unbewussten) Setting weitere unhinterfragte Wertmaßstäbe hinzukommen, wird mehr als deutlich, dass Wirtschaftswissenschaften nicht nur eine harmlose Kunstlehre sind. Beispiele dafür sind: der Markt als zentraler Steuerungsmechanismus moderner Gesellschaften, der funktioniert wie eine Maschine und kreativ (zerstörend) ist wie ein Mensch; oder das normativ erhöhte Ausrufen von Unternehmen als Gewinnmaximierer, zum Zwecke von mehr Wirtschaftswachstum.

Die Wirtschaftswissenschaften, Volks- wie Betriebswirtschaftslehre, sind implizite Ethiken. Jeder Ökonom würde gut daran tun, sich selbst und anderen gegenüber der normativen Annahmen zu vergewissern oder sich wenigstens auf einen Diskurs dazu einzulassen: Was steckt an Ethik drin, was kommt raus?

Ist Mathe doof?

3. Ökonomie ist Kultur

Wie sehr den aktuellen Wirtschaftswissenschaften der Anschluss an andere sozial- und geisteswissenschaftliche Disziplinen abhanden gekommen ist, verdeutlicht die Formulierung: "Ökonomie ist Kultur." Traditionelle Ökonomen fragen hier reflexartig: "Was soll das denn sein?", wie ich jüngst in der eigenen Universität hörte. Vertreter anderer Sozialwissenschaften, Philosophen und Kulturtheoretiker hingegen reagieren mit einem: "Ja, was denn sonst!"

Unsere Wirtschaft – wie wir sie aktuell kennen, kannten und kennen werden – ist ein Produkt menschlichen Handelns und daraus resultierender sozialer Dynamiken. Der Begriff Wirtschaftssystem mag den Eindruck erwecken, es handele sich dabei um etwas Technisches oder gar irgendwie aus der Natur Entsprungenem, dies ist aber irreführend. Die Ökonomie ist eine "gesellschaftliche Wertsphäre", wie Max Weber sagte, in der sinndeutende Individuen und künstliche kulturelle Gebilde wie Unternehmen miteinander agieren.

Dabei werden hochgradig symbolisch aufgeladene Produkte und Dienstleistungen gehandelt. Tauschprozesse erfolgen unter Verwendung des Kulturproduktes Geld. Ökonomie ist Kultur – und hat nicht nur kulturelle Elemente. Was denn sonst? Die Ökonomen David Iselin und Bruno S. Frey haben in einem jüngsten Beitrag völlig zutreffend formuliert: "Ökonomie ist ein Teil einer Narrationskultur. Unternehmen haben schon lange entdeckt, dass sich nicht Fakten, sondern Geschichten verkaufen. Ökonomen erzählen ebenfalls Geschichten, ohne sich dessen bewusst zu sein."

Ein neues ökonomisches Denken sollte zu einem kulturellen Verständnis von Wirtschaft in Gesellschaft zurückkehren, wie es für viele Klassiker (z.B. Weber, Simmel, Polanyi) stets selbstverständlich war. Sonst droht sie, etwas Wesentliches aus den Augen zu verlieren. Dazu zählen beispielsweise sozialgeschichtliche und dogmenhistorische Untersuchungen, kulturtheoretische Analysen zur Einbettung oder Entbettung der Ökonomie und ihrer Institutionen, einschließlich bestimmter Erzählformen, sowie ein Nachdenken und Entwickeln von Zukunftsvisionen: "Wo wollen wir hin? Wer wollen wir sein?"

4. Formale Modelle in den Wirtschaftswissenschaften: Ist Mathe doof?

Nach meiner Beobachtung machen plurale Ökonomen weite Teile ihrer Kritik an einer mathematisch (über)formalisierten Volkswirtschaftslehre fest. Doch ist Mathematik per se doof? Nein, das ist sie nicht, und ich denke, an dieser Front machen sich eher ideologische Fragen fest, als dass es um die Sache geht, nämlich wirtschaftstheoretisch voranzuschreiten. Eine bessere Frage wäre: Ist die Anwendung formaler Modelle angemessen oder nicht? Dazu lautet die Antwort: Es kommt darauf an.

Das Schöne an mathematischen Formalisierungen ist, dass sie Forscher zu Transparenz und Kohärenz zwingen, was sachlichen Auseinandersetzungen sehr gut tun kann. Im wissenschaftlichen Diskurs ist so schnell zu erkennen, welches die zugrundeliegenden Annahmen sind, ob die Überlegungen widerspruchsfrei präsentiert werden und was aus ihnen resultiert. Auf der anderen Seite stellen sich der Ökonomik durch ihr spezifisches Vorgehen stets wenigstens zwei Probleme: erstens, die Rückübersetzung der Abstraktionen in eine lebensweltliche Sprache. Und zweitens, die mögliche Tendenz, nur zu berücksichtigen, was auch mathematisch abbildbar ist, was wissenschaftlich freilich nicht akzeptabel wäre. Dies könnte kulturtheoretische Perspektiven einer neuen Ökonomie im Besonderen betreffen.

Sowohl den traditionellen Wirtschaftswissenschaften als auch den pluralen Ökonomen geht es um eine Weiterentwicklung des wirtschaftstheoretischen und -praktischen Denkens. Sich gegenüber Diskursen zu immunisieren und der Gegenseite ideologischen Dogmatismus, Unkenntnis oder beides vorzuwerfen, trägt nicht dazu bei, dieses Ziel zu erreichen. Kooperation statt Fundamentalopposition ist angebracht. Hier sind die Ökonomen – der Mainstream wie die Pluralos – selbst gefragt, ganz ebenso jedoch auch Vertreter anderer Disziplinen. Wir sollten die Wirtschaft in der Tat nicht nur den Ökonomen überlassen.