Die europäischen Finanzminister haben verhalten auf die Forderung von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker reagiert, den Euro in allen EU-Staaten einzuführen. Beitrittskandidaten könnten nicht "zu einer höheren Geschwindigkeit" gezwungen werden, sagte Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem bei einem Treffen der EU-Finanzminister in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Er rechne weiter mit einem längerfristigen Prozess. 

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, die Eurozone könne keine Mitglieder aufnehmen, welche die wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht erfüllten. Sonst werde "die Stabilität der ganzen Währungsunion gefährdet". Die Krise in Griechenland habe gezeigt, "dass es für die Eurozone und das Land selbst problematisch ist, wenn die Voraussetzungen für die Mitgliedschaft in der Währungsunion nicht voll erfüllt sind".

Es sei jedoch eine "bedeutende Rede", die Juncker am Mittwoch im Europaparlament gehalten habe, sagte Schäuble. In der Eurofrage sei der Kommissionspräsident allerdings aus seiner Sicht "ein bisschen missverstanden worden". Auch Juncker habe gesagt, dass für die Euromitgliedschaft ökonomische Voraussetzungen erfüllt sein müssten.

Mehr Stabilität als Voraussetzung

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte dem Fernsehsender Sat.1: "Grundsätzlich sollte der Euro für alle offen sein. Und es müssen die Bedingungen erfüllt werden. Und das bleibt so auch in der Zukunft." Der französische Finanzminister Bruno Le Maire äußerte sich ähnlich: Die Eurozone müsse intern stabiler werden, erst dann sei eine Erweiterung möglich.

Juncker hatte am Mittwoch in einer Grundsatzrede gesagt, dass der Euro mehr sein solle als die Währung einer Reihe ausgewählter Länder. Er sei dazu bestimmt, die "einheitliche Währung der Europäischen Union als Ganzes zu sein". Rechtlich sind nur Großbritannien und Dänemark nicht verpflichtet, dem Euroraum beizutreten. Nach dem Brexit werden die verbleibenden acht EU-Staaten ohne Euro nur noch 15 Prozent der Wirtschaftskraft stellen.

Die Finanzminister diskutierten auf dem Treffen in Tallinn außerdem über die Besteuerung von Internetunternehmen. "Die Digitalwirtschaft sollte so besteuert werden wie der Rest der Wirtschaft", sagte EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici. Europäische Politiker werfen Onlinekonzernen vor, ihre Gewinne in Länder wie Irland oder Luxemburg umzuleiten, um Steuern zu vermeiden.