Der Druck aus Deutschland auf die Europäische Zentralbank (EZB) zum Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik wächst. "Die Zeit des billigen Geldes in Europa sollte enden – trotz des starken Euro", forderte Deutsche-Bank-Chef John Cryan bei einer Bankentagung in Frankfurt. Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon sagte, es sei der Zeitpunkt gekommen, an dem die EZB wieder normale Verhältnisse anpeilen sollte.

Auch nach Ansicht von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble spricht die zuletzt gute wirtschaftliche Entwicklung dafür, dass Europa einer Normalisierung der Geldpolitik "sehr viel näher gekommen" ist. Die Geldpolitik der vergangenen Jahre sei außergewöhnlich gewesen, "und jeder weltweit wünscht sich, dass wir möglichst bald zu einer Normalisierung kommen", sagte der CDU-Politiker. Er betonte jedoch zugleich die Unabhängigkeit der EZB.

Baldiges Signal an die Finanzmärkte erwartet

Die EZB hält die Leitzinsen seit Längerem auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Sie pumpt zudem seit rund zweieinhalb Jahren monatlich zwischen 60 und 80 Milliarden Euro in das Bankensystem, um die Konjunktur anzukurbeln. Institute müssen zudem Strafzinsen zahlen, wenn sie bei der Notenbank über Nacht Geld parken, statt es als Kredit an Kunden weiterzugeben.

Einen ersten Schritt weg von der lockeren Geldpolitik hatte die EZB im Juni gewagt, als sie die Option auf noch niedrigere Zinsen aus ihrem geldpolitischen Ausblick strich. Nun erwarten Volkswirte weitere Schritte in diese Richtung, zumal das auf 2,3 Billionen Euro angelegte Anleihenkaufprogramm ohnehin nur noch bis Ende Dezember laufen soll. Es wird daher damit gerechnet, dass EZB-Präsident Mario Draghi bald ein Signal an die Finanzmärkte geben wird, wie es danach mit den Anleihekäufen und dem Zinsniveau weitergehen soll. Das oberste Entscheidungsgremium der Notenbank kommt am Donnerstag zu seiner nächsten Sitzung zusammen.

"Die EZB überzieht langsam"

Das viele billige Geld der Notenbanken habe den Finanzmärkten in den zurückliegenden Krisenjahren unbestritten geholfen, sagte Deutsche-Bank-Chef Cryan. Aber die lockere Geldpolitik führe zu immer größeren Verwerfungen, warnte er. "Wir sehen inzwischen Anzeichen von Blasen an immer mehr Stellen des Kapitalmarktes, an denen wir sie nicht erwartet hätten." Cryan verwies etwa auf eine Preisexplosion bei Immobilien oder Aktienkurse in Rekordhöhe.  

Eine Umfrage der Bundesbank hatte vor Kurzem ergeben, dass die Minizinsen in der Eurozone kleinere Geldhäuser langsam finanziell in Not bringen. So gehen die rund 1.500 untersuchten Sparkassen und Volksbanken auf Sicht von fünf Jahren davon aus, dass ihr Vorsteuergewinn um 16 Prozent schrumpfen wird. Der Chef des Verbandes der Volks- und Raiffeisenbanken, Uwe Fröhlich, erklärte, die rund 1.000 kleinen Institute, die seinem Verband angeschlossen seien, würden händeringend darauf warten, dass die EZB sich endlich bewegt: "Uns allen ist wohl klar, dass die EZB langsam überzieht."

Aktuell macht der EZB jedoch der kräftige Kursanstieg des Euro zu schaffen, der seit Jahresbeginn mehr als 13 Prozent zugelegt hat. Dadurch verteuern sich Produkte aus dem Euroraum auf dem Weltmarkt und werden so unattraktiver. Das schwächt tendenziell das Wachstum. Zudem verbilligen sich Importwaren, was die Inflation drücken dürfte. Für die EZB würde es dann noch schwieriger, ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent zu erreichen.