Ein Königreich für ein Haus – Seite 1

Vor der Finanzkrise ging die Rechnung noch auf, selbst für unseren Nachbarn, einen Klempner im Londoner Stadtteil Fulham. Ihn störte es nicht, dass die anderen Nachbarn, fast alles Banker aus der City, über seine Familie lachten. Wer hat schon neun Kinder und ist so arm, dass die Frau nicht einmal eine Spülmaschine in der Küche hat. Eigentlich hätte der Klempner sich die Gegend nie leisten können, aber seine Eltern hatten das Haus vor langer Zeit gekauft, lange vor der Preisexplosion am Londoner Immobilienmarkt. Kurz vor der Finanzkrise beobachteten wir Nachbarn, wie der Klempner sein Haus umbaute, tipp-topp renovierte und dann verkaufte – für mehr als eine Million Pfund. Er hatte ausgesorgt. Das britische Modell Eigentum rentiert sich hatte mal wieder funktioniert.

Heute gilt das immer weniger. Die junge Generation kann sich einen Hauskauf kaum noch leisten. Nach einer Berechnung des Statistischen Amtes ONS in Großbritannien, muss eine Person in England und Wales heute durchschnittlich das 7,6-fache des Jahreseinkommens für ein Haus bezahlen. Vor zwanzig Jahren war es noch das 3,6-fache. Die Hauspreise haben sich in den zwanzig Jahren mehr als verdreifacht, das Jahreseinkommen hat indessen nur um 68 Prozent zugelegt. Die junge Generation schafft es nicht mehr, in den teuren Immobilienmarkt einzusteigen.

In Deutschland würde man sagen, dann sollen sie doch mieten. Aber damit geht man in Großbritannien ganz andere Risiken ein, der Mieterschutz ist schwach. In Großbritannien hat der Vermieter, der landlord, mehr Rechte: Er kann den Mieter vor die Tür setzen, wenn der nicht jedes Jahr aufs Neue Mieterhöhungen zustimmt. Und die Mieten sind hoch: In London zahlt man am Stadtrand für ein kleines Einfamilienhaus mit Garten durchaus 3.000 Euro Monatsmiete. "Miete ist vergeudetes Geld", sagt ein älterer Bauunternehmer, der sich im Laufe seines Lebens vier Millionenvillen zusammengekauft hat. Jede vermietet er jetzt für umgerechnet 10.000 Euro im Monat. Doch an diesem Monopolyspiel können nur wenige teilnehmen.  

Hauskauf ist wichtiger als Heiraten

Die Briten verbinden mit Hauseigentum finanzielle Sicherheit, es ist ihnen heilig. Daher war die Empörung der britischen Wähler groß, als Premierministerin Theresa May Immobilieneigentum in Rechnung stellen wollte, um damit die staatliche Altenpflege zu finanzieren. Den Vorschlag musste sie umgehend zurückziehen. Schließlich verlassen sich die Briten auf ihr System: In jungen Jahren ergattert man sich eine kleine Wohnung, verkauft sie später mit Gewinn, hat also mehr Kapital übrig, um bei der Bank die Finanzierung für eine größere Wohnung und später ein Haus aushandeln zu können. Im Alter stoßen viele Engländer ihr Haus in der Stadt ab, ziehen billig aufs Land und haben somit eine Reserve, von der sie im Alter zehren können. Häufig können die Großeltern dann noch die Ausbildung der Enkel bezahlen und ihnen das Startkapital für die erste Wohnungen schenken. Das ist heute wichtiger als je zuvor: Schließlich sind die Kosten eines Universitätsstudiums auf 9.000 Pfund im Jahr gestiegen und der Preis des durchschnittlichen Hauses in Großbritannien auf mehr als 220.000 Pfund.

Auch heute hoffen 80 Prozent der 18 bis 24-Jährigen, irgendwann selbst eine Immobilie zu besitzen. Laut einer Umfrage des Forschungsinstituts Nat Cen ist ihnen das sogar wichtiger als heiraten, Kinder bekommen oder mit der Karriere weiter zu kommen. Aber eine Immobilie zu kaufen, ist nicht mehr so einfach. Das britische System hat so lange funktioniert, wie ausreichend erschwinglicher Wohnraum gebaut wurde, so dass die junge Generation und ärmere Bevölkerungsschicht die Chance hatten, in den Wohnungsmarkt einzusteigen. Obwohl aber in den letzten Jahrzehnten immer mehr Einwanderer ins Land gekommen sind, bauen die Briten jedes Jahr nur noch halb so viele Wohnungen und Häuser wie in den siebziger Jahren. Dies erklärt den rasanten Preisanstieg am Markt. 

Bis zur Finanzkrise haben die Banken der Bevölkerung einen Immobilienkauf noch mit waghalsigen Finanzierungen ermöglicht. Doch seit 2009 ist Schluss damit. Wer bei einer Bank ein Darlehen ohne Tilgung haben möchte, bekommt einen abschlägigen Bescheid. Eine hundertprozentige Finanzierungen ohne Eigenkapital gibt es nicht mehr. Und man muss gut verdienen: Seit Juni 2014 soll eine Bank für einen Hauskauf nicht mehr als das 4,5 fache des Jahreseinkommens eines Antragstellers ausleihen. Sie muss zudem prüfen, ob der Darlehensnehmer auch einen um drei Prozentpunkte höheren, variablen Hypothekenzins zahlen könnte, sollten die Zinsen steigen. Das ist für die Bevölkerung schwierig, da das real verfügbare Einkommen seit Jahren stagniert.

"Ein ökonomisch ungerechtes System"

Die strengeren Anforderungen sind zwar gut für die Sicherheit der Banken und bremsen die waghalsige Verschuldung der Bevölkerung. Aber das System hat zu einer Spaltung der britischen Gesellschaft geführt. Wer gut verdient, kann sich sein Eigenheim leisten und von den steigenden Preisen im Alter profitieren. Für  Menschen mit mittlerem oder geringem Einkommen hingegen ist dies schwieriger oder unmöglich geworden.

Die Zahl der Haushalte, die ein Eigenheim besitzen, ist in England in den vergangenen 15 Jahren von 71 auf 64 Prozent gesunken, in Raum Manchester und London sogar auf 58 Prozent, hat eine Erhebung der Resolution Foundation ergeben. In der Hauptstadt werden die teuren Immobilien heute weitgehend von Familien gekauft, die ihr Geld aus dem Mittleren Osten, China, Indien und Russland in den Westen schleusen. Nicht nur ein Klempner, auch ein Lehrer ist kaum noch in der Lage, sich in London ein Haus zu kaufen.

Was tun? Die Regierung weiß, dass die junge Generation den Sprung auf die Häuserleiter schaffen muss, da die Menschen sonst den Anschluss an ein System verpassen, das eine niedrige Staatsrente zahlt, wo die spätere Universitätsausbildung der Kinder viel Geld kostet und der Immobilienmarkt immer noch die sicherste Rendite verspricht.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Versuche , mit denen Erstkäufern der Einstieg in den Markt ermöglicht werden soll: Wer bereit ist, eines der neuen Billighäuser zu kaufen, die angesichts des Wohnungsmangels gerade gebaut werden, und nur fünf Prozent Eigenkapital zusammenbringen kann, erhält für einen Teil des Kaufpreises ein zinsloses Darlehen. Eine andere Variante: Wer wenig verdient, bekommt beim Eigenkapital Hilfe vom Staat. Oder er braucht nur einen Teil einer Wohnung kaufen und kann für den Rest Miete zahlen. Manche Neubauten werden jungen Leuten auch zu einem Preisabschlag angeboten. Die ultra-niedrigen Zinsen der Bank von England von 0,25 Prozent helfen auch.

Aber selbst dann ist der Immobilienkauf eine Herausforderung für die ganze Familie. Mehr als die Hälfte von jungen Leuten unter 35 Jahren hat beim Ersterwerb ihrer Wohnung finanzielle Hilfe der Eltern in Anspruch genommen, hat der Versicherer Legal & General ermittelt. Die Diskrepanzen in der britischen Bevölkerung werden größer.