Bis zu 2.100 Flüge lässt Ryanair in den kommenden Wochen ausfallen, 40- bis 50-mal täglich werden die Maschinen am Boden bleiben. Für die Passagiere ist das natürlich ärgerlich: Sie haben ihre Tickets schließlich gezahlt und vermutlich auch für Hotels oder Mietwagen Geld ausgegeben. Aber angesichts solcher Zahlen stellt sich vor allem die Frage, ob der Systemkollaps bei der Fluglinie nicht längst überfällig  war. Zumindest lassen sie sehr zweifelhaft erscheinen, dass eine schlechte Urlaubsplanung tatsächlich der wahre Grund für die Flugausfälle ist, wie Ryanair vorgibt.

Das Unternehmen selbst begründet die Streichungen offiziell sogar damit, dass dadurch die "Pünktlichkeit erhöht" werden solle. Es habe zuletzt viele Verspätungen gegeben, die "eine Kombination aus Kapazitätsengpässen, Streiks, Wetterkapriolen und eine Folge erhöhten Urlaubsaufkommens von Piloten und Kabinencrew" gewesen seien. Was sich in Zahlen belegen lässt: Die Fluggesellschaft hat in den Sommermonaten wieder neue Rekorde aufgestellt, sowohl bei den Passagieren als auch bei der Zahl der Strecken. Aufs Jahr gesehen will Ryanair 131 Millionen Fluggäste befördern, das sind rund 15 Millionen mehr als 2016. Die Maschinen sind fast immer voll besetzt, damit eilt die Fluglinie vielen andere bei der Auslastung davon. Die Plätze in den Cockpits sind dabei ungleich schwerer zu füllen.

Die Piloten seien im Sommer so viel geflogen, dass sie viele Urlaubstage angestaut hätten, das ist die Deutung der Konzernzentrale. Weil zudem laut neuer gesetzlicher Bestimmungen ab 2018 die Verteilung des Urlaubs bei den Airlines mit dem Kalenderjahr übereinstimmen muss – bisher reichte das Ryanair-Urlaubsjahr von April bis März –, gebe es nun Probleme bei der "Urlaubsallokation". Deshalb müssten sehr viele Piloten ihre freien Tage abfeiern und stünden dadurch nicht für den Flugdienst bereit, bis die Gesellschaft im November auf den ausgedünnten Winterflugplan umstelle. So lautet das offizielle Statement von Kommunikationschef Robin Kiely.

Andere schütteln darüber den Kopf, wie Markus Wahl von der Pilotenvereinigung Cockpit: "Ryanair zieht eine zwei Jahre alte Änderung in der Pilotenrichtlinie heran, um die derzeitigen Probleme zu erklären, das ist doch Quatsch. Es ist schon seit über zwei Jahren bekannt, dass die Urlaubsansprüche in diesem Jahr abgefeiert werden müssen."

"Mehr als 100 erfahrene Piloten gehen jeden Monat"

Auch eine andere These geistert derzeit durch die Luftfahrtbranche, während der Bieterkampf um die insolvente Air Berlin ausgetragen wird. Ryanair wolle sich mit den Flugstreichungen womöglich Luft verschaffen in Form zusätzlicher freier Maschinen, so erklärt es Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne. Denn wenn Air Berlin wegen Geldmangels den Flugverkehr vorzeitig einstellen müsse, dann würden die begehrten Start- und Landerechte für ihre Strecken sofort neu vergeben. Jede Gesellschaft, die dann Kapazitäten hat, um diese Strecken zu bedienen, kann sich dafür bewerben.

Derzeit hat Ryanair knapp 400 Maschinen im Einsatz, noch einmal 182 sind bestellt. Bei der derzeitigen Auslastung könnten ein paar zusätzliche Flugzeuge in der Hinterhand nicht schaden. Zumal die allerwenigsten Airlines freie Flugzeuge herumstehen haben, die nicht im Einsatz sind. Dennoch winkt Cockpit-Experte Wahl auch bei diesem Argument ab: "Vielleicht wollen sie ein bis zwei Flugzeuge in Reserve behalten, aber die Flugstreichungen darauf zurückzuführen, wäre ein unglaubliche Dehnung der Wahrheit, daher dürfte die Air-Berlin-Übernahme nur ein Faktor unter ferner liefen sein."

Der Hauptgrund ist wohl, dass Ryanair derzeit massenhaft die Piloten von Bord gehen. "Mehr als 100 erfahrene Piloten gehen jeden Monat, weil andere Airlines heftig Personal abwerben und wegen der schlechten Vertragsbedingungen", so steht es auf einer Bewerbungsplattform für Piloten im Internet. Der Konkurrent Norwegian – eine Airline, die auch nicht gerade für beste Gehälter und Verträge bekannt ist – hatte erst kürzlich verkündet, 140 Ryanair-Piloten angeheuert zu haben. "Und verflixt viele sind gerade erst sonst wohin gewechselt", sagten Mitarbeiter, die nicht zitiert werden wollen, bei einem Treffen in Dublin. Der irische Billigflieger Air Lingus wirbt derzeit ebenfalls um 200 Piloten mit dem Heimatort Dublin.