Flutkatastrophe in Houston, Raketen aus Nordkorea, die Bundestagswahl – es gibt weit Wichtigeres als die Taxi-App Uber. Und doch war die Nachricht, dass das Unternehmen nach wochenlanger Suche endlich wieder einen Chef hat, diese Woche weltweit in den Schlagzeilen. Der Neue, Dara Khosrowshahi kommt vom Onlinereiseportal Expedia. Er erhielt einen Vorab-Bonus, den die Branche mit 200 Millionen Dollar veranschlagt. Dafür müsste SAP-Chef Bill McDermott, der Spitzenverdiener im Dax, zehn Jahare arbeiten.

Auch wenn Uber in Deutschland nur in Berlin und München verfügbar ist – das Unternehmen aus dem Silicon Valley erregt hierzulande enorme Aufmerksamkeit. Denn Uber steht für Fortschritt, der traditionelle Branchen aggressiv aufmischt und etablierte Normen und Regeln infrage stellt. Das Unternehmen behauptet, das alles geschehe zugunsten des Verbrauchers – Kritiker sagen, auf Kosten von Beschäftigten und der Allgemeinheit. Ubers Schicksal gilt letztlich als Indikator, ob sich eine neue Art Kapitalismus durchsetzt.

Fast alles an Uber ist Superlativ. Investoren bewerten es mit über 60 Milliarden Dollar (vor den jüngsten Problemen waren es sogar knapp 70 Milliarden). Damit ist das Start-up das teuerste der Geschichte des Silicon Valley. Rekordverdächtig sind auch die Verluste – allein im vergangenen Jahr waren es drei Milliarden Dollar, wie Bloomberg errechnete.

Der Anbieter einer App, mit der sich per Smartphone ein Fahrer herbeirufen lässt, wirbt damit, seit der Gründung 2009 fünf Milliarden Fahrten vermittelt zu haben, auf allen sechs Kontinenten, in 76 Ländern und 450 Städten präsent zu sein. Auch der Anspruch ist alles andere als bescheiden. Nichts weniger als die Mobilität grundlegend zu verändern, so hatte es einmal Gründer Travis Kalanick formuliert.

Kampagnen gegen Uber

Zuletzt stand Uber aber vor allem für Schlagzeilen und Skandale. Im Januar erlitt Uber in den USA im Zusammenhang mit Präsident Donald Trumps Einreiseverbot für Personen aus mehrheitlich muslimischen Ländern ein PR-Debakel. Um gegen Trumps Verbot zu protestieren, hatten New Yorker Taxifahrer einen Streik ausgerufen. Uber teilte mit, man werde den Algorithmus aussetzen, der sonst bei erhöhter Nachfrage entsprechend höhere Preise kalkuliert.

Prompt warfen Kritiker Uber vor, seine Fahrer als Streikbrecher einzusetzen. Zwar wies das Unternehmen darauf hin, die Ankündigung sei nach dem offiziellen Streik erfolgt und man habe lediglich den Vorwurf vermeiden wollen, einen Engpass unangemessen auszunutzen. Kalanick ging öffentlich auf Distanz zu Trump und zog sich aus dem Kreis von US-Wirtschaftsvertretern zurück, die den Präsidenten beraten.

Google-Tochter klagt gegen Uber

Es nutzte alles nichts. In den sozialen Medien begann die Kampagne DeleteUber, die dazu führte, dass Tausende Nutzer die App von ihren Smartphones löschten. Kurz darauf ging eine Mitarbeiterin mit Vorwürfen wegen sexueller Belästigung und Sexismus an die Öffentlichkeit. Und ein Video zeigte Kalanick, wie er einen Uber-Fahrer abkanzelt, nachdem der sich bei dem Unternehmensgründer wegen seiner reduzierten Einnahmen beklagt hatte.

Noch gravierender: Waymo, die Google-Tochter, die an autonomen Fahrzeugen tüftelt, hat Klage erhoben, weil Uber angeblich Waymos Technologie gestohlen habe. Unter Druck trat Kalanick im Juni von seinem Chefposten zurück. (Im Aufsichtsrat darf er allerdings noch mitbestimmen.)

Bewunderer des Start-ups sehen in der Pannenserie vor allem ein Problem der Unternehmenskultur. Kalanick, der sich selbst einst "Wolf" nach der Figur des eiskalten "Aufräumers" aus dem Tarantino-Kultfilm Pulp Fiction nannte, sei eben aggressiv und habe seine Mitarbeiter entsprechend beeinflusst. Frauenfeindlichkeit ist im Silicon Valley verbreitet und kein spezifisches Uber-Thema.