Die Bank in deiner Tasche – Seite 1

Früher rannte man zur Kontoeröffnung und für jede Überweisung zur Bank. Später tippte man seine Daten in den Computer und eröffnete ein Konto per Post. Und heute? Da braucht man nur noch ein Handy. Darin steckt mittlerweile die komplette Bank, wenn man das will.

Die ersten voll digitalen Banken gibt es schon. Sie kommen völlig ohne Filialen aus und man kann bei ihnen den gesamten Überweisungsverkehr per App abwickeln. Der Vorreiter hierzulande heißt N26 und begeistert schon knapp 100.000 Kunden. Auch Geldtransfers an Händler oder Freunde lassen sich mit paypal und Co. übers Smartphone abwickeln, sogar in Echtzeit. Kredite besorgt man sich längst über digitale Vermittlungsplattformen. Und Roboter regeln gänzlich automatisiert die Geldanlage oder helfen beim Versicherungswechsel. Braucht man da eigentlich noch Vermittler und Berater? Oder überhaupt Banken?

Millionen Kunden weltweit finden bereits: Nein, die braucht man eigentlich nicht mehr. Zumindest nicht zum Abwickeln vieler dieser Prozesse. Dafür gibt es inzwischen allein hierzulande rund 700 Fintech-Unternehmen, wie die neuen innovativen Finanzdienstleister heißen, die Finanzservices digital anbieten und deshalb aus Sicht der Kunden viel praktischer sind. Ab dem kommenden Jahr zwingt die EU nun sogar Banken, ihre Systeme zu öffnen und fremden Finanzdienstleistern den Zugang zu ihren Datensystemen zu ermöglichen, über die Bezahltransaktionen abgewickelt werden können.

Hat sich die Existenz der Banken damit nicht erledigt? Bisher bestand einer ihrer größten Schätze in den Kunden- und Kontodaten, die sie horten. Was aber ist, wenn nun massenhaft Fremdanbieter genau an dieser Schnittstelle angreifen?

Die digitale Finanzrevolution

Die Frage nach der Zukunft der Banken werfen mittlerweile selbst renommierte Weltökonomen auf: "Die digitale Finanzrevolution ist derzeit eine der größten Herausforderungen für die globale Bankenlandschaft", sagt David Lipton, First Deputy Managing Director des internationalen Währungsfonds (IWF). "In China zahlen die Menschen immer seltener mit Bargeld. In Afrika hat ein Handy-Bezahlsystem überhaupt erst Transaktionen möglich gemacht, wo es gar keine Banken gibt. All das sind Erfolgsgeschichten. Und sie sind ein Angriff auf die Profitabilität existierender Bankmodelle."

Der Profit habe in den vergangenen Jahren ohnehin mächtig gelitten, klagt die Branche. Das liege an den weltweiten Niedrigzinsen, die inzwischen die Margen bei der Geschäftsabwicklung und beim Verleihen von Geld enorm hätten zusammenschrumpfen lassen. Zudem sind viele Banken gerade hierzulande so klein, dass man sich zu Recht fragen kann, ob es sich in einer so zersplitterten Branche noch kostendeckend wirtschaften lässt, wenn auf der einen Seite sinkende Margen stehen und auf der anderen Seite riesige Kosten für den Filialbetrieb. Schließlich gibt es in Deutschland mehr Banken als Brauereien, nämlich 1800 Institute, von denen viele nur sehr lokal agieren, sagen Marktkenner. Werden die wirklich alle überleben? Und wenn ja, welche von ihnen?

"Die Digitalisierung macht die Fragmentierung des Bankensystems künftig überflüssig", sagt Peter Zattler, Finanzchef des Technologieunternehmens Giesecke & Devrient, das sich auf Lösungen für das Banknoten- und Wertpapiersystem spezialisiert hat. Statt unzähliger Banken vor Ort reichen also wenige effiziente Plattformen, die Kunden und Finanzdienstleister zueinander führen. "Vollbanken braucht man künftig auch weniger", ist der Finanzökonometrieprofessor Stefan Mittnik überzeugt, also Institute, die vom Konto übers Wertpapierdepot und die Kreditvermittlung die komplette Produktpalette beackern.

Stattdessen würden sich immer mehr Spezialanbieter durchsetzen, die nur einen Service bieten, dafür aber hoch effizient. Das zeigt sich schon heute bei Immobilienfinanzierern wie der Interhyp, die vor Jahren als eines der ersten Fintechs gegründet wurde und heute Deutschlands führender Immobilienkreditbeschaffer ist. Oder bei der Huk24, die bereits im Jahr 2000 begann, KFZ-Policen ausschließlich online zu vertreiben und damit zum größten Autoversicherer des Landes wurde. Wenn man so will, sind sie die Quellcodes der Branche und zeigen, zu was Start-ups selbst in der Finanzindustrie fähig sind.

Die Kunden entscheiden über die Zukunft der Branche

Die Hauptbedrohung resultiere daraus, dass man viele Standardprozesse von Banken algorithmisieren könne, sagt Finanzwissenschaftler Mittnik. "Und alles, was man algorithmisieren kann, lässt sich auch automatisieren." Das reiche von der Kreditvergabe über den Zahlungsverkehr bis hin zur Geldanlage. Den Beweis dafür tritt Mittnik neuerdings selber an: Er hat 2014 das Unternehmen Scalable Capital mitgegründet, einen sogenannten RoboAdvisor, bei dem Kundengelder vollautomatisiert nach bestimmten Regeln angelegt werden. In diesem Jahr verwaltete die Fintech-Firma für 6.000 Privatkunden schon rund 250 Millionen Euro.

Die Banken selbst tragen aber eine Mitschuld daran, dass ihnen rasch Teile des Geschäfts abhanden kommen, sagt Markus Strietzel, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger: "Was ich bei Banken vermisse, ist die Frage: Wie können wir unser Geschäftsmodell mit digitalen Prozessen vorantreiben? Wie können wir unsere Kunden besser und über alle Kanäle hinweg bedienen? Das wird immer wichtiger." Stattdessen betrieben viele Banken das Thema Digitalisierung "aus einer Mode heraus, die rein auf Effizienz abzielt". Sie fragten lediglich: Wie können wir dadurch Kosten sparen? Das digitale Denken sei es, das vielen Bankmitarbeitern heute noch fehle. Die Start-ups bringen genau die mit.

Bisher blieb den Banken als letzte Hürde noch die Banklizenz, die Angreifern den Eintritt in den Wettbewerb verwehrte. "Doch einige Fintechs greifen ja schon genau in die Schnittstelle hinein", sagt Strietzel. N26 etwa hat jetzt eine Banklizenz und will zudem mit einer amerikanischen Bank kooperieren. Damit könnte das Start-up all das leisten, was andere Banken auch bieten, vom Wertpapierhandel über das Einlagengeschäft bis zur Zahlungsabwicklung.  

Erfolg durch Kooperation

An das Aussterben der Großbanken und die große Machtübernahme der Fintechs glaubt aber zumindest Ökonometrieprofessor Stefan Mittnik nicht: "Die typische Geschichte der Disruption ist bisher selten eingetreten. Viele Fintechs unterschätzen nämlich, wie teuer es ist, überhaupt Kunden zu gewinnen." Genau diese Kundenschar, die sie bereits haben, könnten die klassischen Banken daher zu Geld machen. Die Versicherer ebenso, sagt Markus Hablizel, der bei der Allianz einer der Innovationsbeauftragten ist: "Wir Versicherer haben Daten, die für viele Start-ups interessant wären: Wir wissen sehr viel über Versicherungsverläufe, Schadenshäufigkeiten und Kundegewohnheiten."

Gerade solche Daten ließen sich nur durch jahrelange Geschäftskontakte erheben. Deshalb sagen Hablizel und Mittnik: Die Lösung der Zukunft wird eher die Kooperation sein. Beide, nämlich Traditionsunternehmen wie Fintechs, würden erfolgreicher sein, wenn sie zusammenarbeiten, entweder als eigenständige Unternehmen, oder indem Großbanken und Versicherer sich Fintechs durch Übernahmen einverleiben.

Letztlich aber seien es nicht die Firmen, die über die Zukunft der Branche entscheiden, so mahnt Roland-Berger-Berater Markus Strietzel: "Der Kunde entscheidet, wie er bedient werden möchte und wen er dazu an sich heranlässt." Die Interhyp Gruppe habe das schon verstanden, sagt deren Chef Michael Kasch: "Wir wurden vor Jahren als Fintech gegründet, aber unsere Kunden wollen die wichtigste Finanzierungsentscheidung ihres Lebens im Dialog mit einem Berater vor Ort treffen." Wie das Fintech darauf reagiert? Es baut jetzt deutschlandweit Filialen auf.