Soros' internationalistische Agenda stößt daher bei vielen auf Ablehnung. Allerdings gehe Orbán zu weit, sagt Kirchick, etwa bei seinem Versuch, die von Soros gegründete Central European University in Budapest verbieten zu wollen.

Das Problem geht tiefer, glaubt Leonid Bershidsky, Politikkommentator für den Finanznachrichtendienst Bloomberg View. Es sei kein Zufall, dass ausgerechnet in vielen der Länder, denen Soros mit seinen Stiftungen zu mehr Demokratie verhelfen wollte, heute Regierungschefs mit autokratischen Tendenzen an der Macht seien. Soros' Ideen hätten bei der Bevölkerung nie richtig Fuß gefasst, sagt Bershidsky. Weil die Institutionen und deren Vertreter ihre Mittel von dem Milliardär bekamen, hätten diese sich nicht um Rückhalt und Verbündete im eigenen Land bemühen müssen. So sehen sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, Vertreter westlicher Eliten zu sein. 

Das Problem sei nicht Soros und sein Einfluss, sagt auch Radosław Markowski, Professor für Politikwissenschaften an der SWPS University of Social Sciences and Humanities in Warschau. Markowski hat auch einen Lehrauftrag an der Central European University. "Eine Demokratie ist nur mit einer Bevölkerung möglich, die Demokratie versteht." Der Westen und vor allem die EU hätten die noch unterentwickelten Demokratien zu früh sich selbst überlassen.

Ein Handlanger der USA?

Soros wird oft vorgeworfen, er sei ein Handlanger Washingtons. Der Eindruck stammt vor allem aus den Neunzigerjahren, als Soros unter US-Präsident Bill Clinton tatsächlich große Nähe zum US-Außenministerium pflegte. Ein Vertreter dieses Ministeriums bemerkte einmal nur halb im Scherz gegenüber dem Magazin The New Yorker, man stimme sich bei der Politik gegenüber den ehemaligen Ostblockstaaten mit Deutschland, Frankreich sowie Großbritannien ab – und mit George Soros.

Soros lautstarke Kritik an George W. Bush und dessen Einmarsch im Irak machte ihn bei den Republikanern zur Persona non grata. Inzwischen ist er auch in seiner Wahlheimat zur Zielscheibe geworden – vor allem bei Trump-Anhängern und konservativen bis rechtsextremen Medien. Viele der Gruppen, die einen Tag nach Trumps Amtseinführung zu einem Frauenprotestmarsch in Washington aufriefen, hatten in der Vergangenheit Geld von Soros erhalten. Konservative Kritiker erklärten deshalb, die Veranstaltung, an der fast eine halbe Million Menschen teilnahm, sei von Soros gesponsert worden. Eine Petition, die fordert, Soros zum Terroristen zu erklären und sein Vermögen zu beschlagnahmen, ist inzwischen mehr als 148.000 Mal unterschrieben worden.

Glaubt man Soros' Kritikern, gibt es kaum ein Weltereignis, bei dem der 87-Jährige nicht seine Finger im Spiel hat. So behauptete der rechte Verschwörungstheoretiker Alex Jones, eine von Soros gesponserte Al-Kaida-Gruppe habe die Giftgasattacke in Syrien, bei der im April dieses Jahres 72 Menschen ums Lebens kamen, nur vorgetäuscht.

Oft wird Soros, der Jude ist, als Strippenzieher oder Krake bezeichnet. Das erinnert an die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten. Glenn Beck, der zu den frühen Stars beim TV-Sender Fox gehörte, bezeichnete Soros in einer dreiteiligen Sendung als "Puppenspieler" und behauptete, Soros sei ein Verräter, der einst jüdische Mitbürger den Nazis ausgeliefert habe. Solch ein angeblicher Verrat wird immer wieder kolportiert.

Geprägt vom Nationalsozialismus und der Nachkriegsphilosophie

Soros selbst hat seine Erlebnisse während des Holocaust als Motivation für sein Engagement genannt. Als die Nazis 1944 Budapest besetzten, gelang es Soros' Vater, einem Anwalt, seine Familie und andere mit falschen Identitäten auszustatten. Der knapp 14-jährige George kam als angeblicher Patensohn in die Obhut eines nichtjüdischen Beamten des Landwirtschaftsministeriums. Als dieser im Auftrag der neuen Machthaber Besitz von jüdischen Bürgern einzog, begleitete ihn der Junge. Soros Familie überlebte.

Nach dem Krieg ging der damals 17-Jährige nach London. An der London School of Economics war einer seiner Professoren der Erkenntnistheoretiker Karl Popper. Vor allem Poppers Idee von der offenen Gesellschaft hat es Soros angetan. Auf der Grundlage von Poppers Theorien entfaltete Soros seine späteren politischen Aktivitäten.  

Wie sein Vorbild Popper lehnte Soros Ideologien ab, besonders den Nationalismus. Stattdessen sollte die Gesellschaft sich durch Diskussion und kritische Auseinandersetzung stetig verbessern. 

Soros schloss das Studium mit einem Master in Philosophie ab. Weil er keine andere Arbeit fand, wurde er zunächst Vertreter für Souvenirs und Modeschmuck, die er Händlern in den Badeorten an der Küste von Wales anbot. Erst nach vielen vergeblichen Bewerbungen, bei denen sich der Immigrant oft gedemütigt fühlte, bekam er eine Chance bei einer Bank in London. Die Zusage habe er erhalten, weil die Eigentümer ebenfalls Ungarn waren, erzählte Soros später. Ein Kollege dort empfahl den jungen Soros an seinen Vater weiter, der eine Bank in New York betrieb.

So kam Soros 1956 an die Wall Street. Nachdem er bei verschiedenen Banken als Händler und Arbitrageur gearbeitet hatte, gründete er 1969 einen eigenen Fonds namens Quantum – zu einer Zeit, als Hedgefonds selbst an der Wall Street noch als Exoten galten. Das Kapital von insgesamt vier Millionen Dollar kam von Investoren, denen er versprach, es kräftig zu vermehren. Auch er selbst hielt Anteile – der Anfang seines Vermögens, das später 23 Milliarden Dollar betragen und ihn zu einem der reichsten Männer der Welt machen sollte.