Arbeiten, wie es zum Leben passt

Die IG Metall startet die Tarifverhandlungen mit einem Coup: Neben sechs Prozent mehr Lohn fordert sie ein Recht auf eine befristete Arbeitszeitverkürzung. Arbeitnehmer sollen für bis zu zwei Jahre ihre Arbeitszeit auf 28 Stunden in der Woche reduzieren können. Wer kleine Kinder hat oder die Mutter pflegt, soll dafür sogar einen finanziellen Zuschuss vom Arbeitgeber erhalten.

Für die Arbeitgeber sind solche Forderungen natürlich Tabu, sie wehren sich vehement. Dabei hat die Gewerkschaft mit ihrer Forderung aber einen Nerv getroffen. Denn viel zu lange wurde nur über Lohnerhöhungen gesprochen, nicht aber über die Themen, die abends in der Familie und mit Freunden beim Bier diskutiert werden: Wie viel arbeiten wir? Kommt das echte Leben bei all der Arbeit zu kurz?

Jeder Zweite ist erschöpft

Fast jeder zweite Beschäftigte ist nach der Arbeit so erschöpft, dass er sich nicht mehr um private oder familiäre Angelegenheiten kümmern mag und kann, so der heute veröffentlichte DGB-Index Gute Arbeit. Vor allem berufstätige Eltern – hier vor allem die Frauen – und Beschäftigte, die ihre Angehörigen pflegen, fühlen sich überfordert. Jeder Dritte Arbeitnehmer leidet unter Schlafstörungen.

Solche Zahlen überraschen nicht. Immer mehr Menschen arbeiten abends, nachts, am Wochenende, im Urlaub und an Sonn- und Feiertagen. Zugleich steigt die Zahl der Überstunden: Gute 1,8 Milliarden Überstunden haben die Deutschen allein im Jahr 2015 angesammelt. Nur die Hälfte davon wird bezahlt und längst nicht alle werden ausgeglichen.

Und dennoch fordern die Arbeitgeber, aber auch jüngst die FDP, die Arbeitszeit stärker zu flexibilisieren. Gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeiten sollen gar abgeschafft werden. All das soll mehr Freiheit ermöglichen. Wer nachmittags früher geht, um sich um die Kinder zu kümmern, soll abends noch E-Mails beantworten dürfen.

Eine klare Trennung zwischen Arbeit und Leben

Nur: Genau das wünschen sich viele Beschäftigte nicht, wie der DGB-Index zeigt. Sie wollen eine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Diese Grenze soll eben nicht verwischt werden durch ständige Ansprechbarkeit. Der Vorstoß der IG Metall lenkt die Debatte daher in die richtige Richtung. Es geht nicht darum, Arbeitszeiten weiter zu flexibilisieren. Sondern es geht darum, sie an die Wünsche der Menschen und ihren Alltag anzupassen. Das kann auch bedeuten, die Arbeitszeiten in bestimmten Lebensabschnitten zu verkürzen, später aber auch wieder zu verlängern.

In Schweden proben sie den Sechsstundentag

Tarifverträge sind das eine Instrument, um dies umzusetzen. Sie greifen überall da, wo Unternehmen Tarifbindung haben und wo es starke Flächentarife wie etwa von der IG Metall gibt. Aber in immer mehr Branchen verlieren Gewerkschaften an Bedeutung, immer mehr Unternehmen sind nicht mehr tarifgebunden.

Deswegen muss die nächste Regierung das Arbeitszeitgesetz und auch das Teilzeit- und Befristungsgesetz reformieren. Es sollte einen Rechtsanspruch auf eine befristete Verkürzung der Arbeitszeit festlegen, damit alle Arbeitnehmer davon profitieren – das käme letztlich dem von der SPD geforderten Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit gleich, mit dem die Sozialdemokraten sich aber in der letzten Legislaturperiode nicht durchsetzen konnten. Und werden die Ruhezeiten nach dem Arbeitszeitgesetz unterlaufen, ist es wichtig, dass der Arbeitnehmer ein Mitspracherecht behält – nur so kann ein Missbrauch der Flexibilisierung verhindert werden. Ein solcher Rechtsanspruch würde Gewerkschaften nicht überflüssig machen, im Gegenteil: Nur sie können über Entlohnung verhandeln.

Und vielleicht sollten wir noch radikaler denken. Warum stellen wir nicht die 48-Stunden-Woche infrage? Denn der Acht- bzw. Zehnstundentag ist kein Naturgesetz, selbst die Wirtschaftsweisen halten ihn für veraltet. Hier können wir von Schweden lernen: Dort wurden in Pilotprojekten die Einführung des Sechsstundentags bei gleichem Lohn getestet. Die Zusatzkosten waren zwar hoch. Aber zugleich sanken die Kosten für Krankheitsausfälle wegen Stress.