"Kommen Sie rüber", ruft die Präsidentin, postiert sich vor der Bücherwand und winkt ungeduldig. Jeder in Brasilien erkennt diese Stimme noch sofort: den tiefen, wuchtigen Befehlston, mit dem Dilma Rousseff sich stets viel Gehör verschafft hat – aber wenige politische Freunde. Brasiliens Staatschefin der Jahre 2011 bis 2016 ist jetzt wieder Privatfrau. Seit sie im vergangenen Jahr in einem spektakulären und sehr umstrittenen Amtsenthebungsverfahren abgesetzt wurde, empfängt sie Besucher in einem unscheinbaren Wohnhaus in der Provinzstadt Porto Alegre. Sie hat dort eine Wohnung, nicht groß, und ein Arbeitszimmer voller Bücher bis unter die Decke.

"Die hier will ich Ihnen zeigen", sagt Rousseff und nimmt vier Bände aus dem Regal. Es ist eine Chronik der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985), aufgeschrieben von dem Journalisten Elio Gaspari. "Wenn Sie mal Zeit haben, sollten Sie das lesen. Dann verstehen Sie, dass die Dinge in einer Diktatur nicht so klar sind, wie man meinen könnte."

Für Rousseff, so scheint es, liegen die Dinge im Augenblick aber doch recht klar. Sie glaubt, dass die brasilianische Demokratie zum zweiten Mal in ihrer jüngeren Geschichte einen Putsch erlebt – und dass ihre eigene Absetzung bloß der Startschuss war. Schon während ihr Amtsenthebungsverfahren lief, hatte sie mit ungewöhnlichen Worten dagegen protestiert: Das sei ein kriminelles Komplott, eine Farce, ein "Staatsstreich" gar.

Bis heute ist das Land in dieser Sache tief zerstritten. Richtig ist, dass Rousseff wegen ein paar vorgeschobener, formaljuristischer Kleinigkeiten abgesetzt wurde: Manipulationen an den Haushaltszahlen. Richtig sauber war das nicht. Aber andererseits hatte Rousseff quasi jegliche Unterstützung im Parlament verloren und Millionen Brasilianer gingen auf die Straße, weil unter ihrer Aufsicht eine Serie spektakulärer Korruptionsskandale geschehen waren. Rousseff musste auch deshalb gehen, doch sie bleibt bei ihrer Version vom "Putsch".

"Dieser Staatsstreich ist anders als seinerzeit der Beginn der Militärdiktatur", sagt Rousseff im Dozierton und blättert in den Geschichtsbüchern. "Aber es gab doch einige Charakteristika, die man heute wiedererkennt." – "Das sind wir!", ruft sie und unterbricht sich selbst, als sie in einem der Bände auf ein paar Fahndungsfotos von Widerstandskämpfern stößt. Schwarz-Weiß-Aufnahmen grimmig dreinblickender junger Studenten sind da abgedruckt, sie waren der bewaffnete Untergrund gegen die Generäle. Diesem Widerstand gehörte früher auch Dilma Rousseff an, bis sie festgenommen, gefoltert und jahrelang in ein Gefängnis gesteckt wurde.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie denn damit, dass die heutige Situation Brasiliens Gemeinsamkeiten mit der Machtergreifung der Militärs hatte?

Dilma Rousseff: Nur ein Beispiel: Offiziell gab es damals, in der Militärdiktatur, keine politischen Gefangenen. Wir saßen zwar im Gefängnis, aber niemand durfte sagen, dass es politische Gefangene gab. Man durfte auch nicht sagen, dass man in einer Militärdiktatur lebte. Obwohl damals das Parlament geschlossen wurde, die Parteien aufgelöst waren und politische Anführer gejagt wurden. Tatsächlich sagten damals viele Leute, dass es gar keinen Staatsstreich in Brasilien gab. Vor allem die Medien. Die brasilianischen Medien haben eine Tradition, wissen Sie? Sie unterstützen Staatsstreiche. Selbst heute liest man in den Medien manchmal: Die brasilianische Diktatur war nicht so schlimm, weil nicht so viele Leute umkamen wie in anderen Ländern Lateinamerikas.

ZEIT ONLINE: Aber das ist doch nicht wirklich mit heute zu vergleichen.

Rousseff: Nein, das ist nicht das Gleiche, man kann es nicht direkt vergleichen. Ich glaube auch nicht daran, dass wir wieder Militärdiktaturen vom alten Stil erleben werden. Die waren eine Erscheinung der Jahre des Kalten Krieges. Doch heute können durchaus neue Formen entstehen. Wir könnten bald etwas erleben, das ich "eingeschränkte Demokratie" nenne. Eine Demokratie, in der einige Bereiche in einem Ausnahmezustand operieren.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Rousseff: Heute können Sie in Brasilien erleben, dass strafrechtliche Verfolgung eingesetzt wird, nicht um Recht walten zu lassen, sondern um politische Gegner zu zerstören. Das ist ein gravierendes Problem, übrigens nicht nur in Brasilien, sondern in allen Ländern Lateinamerikas.

ZEIT ONLINE: Sie meinen konkret die Strafverfahren wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche gegen Ihren Parteikollegen und Amtsvorgänger Lula da Silva.

Rousseff: Was ich meine ist, dass man heute dabei zusehen kann, wie ein Richter sich mit bestimmten Angeklagten verbündet, mit ihnen sozial umgeht und trifft. Und ganz bestimmt trifft er sich nicht mit mir oder Lula! Und dann erlebt man, dass gegen Michel Temer, den unrechtmäßigen Präsidenten, zwei große Verfahren der Staatsanwaltschaft laufen (wegen Korruption und der Bildung einer kriminellen Organisation, Anm. d. Red.). Und dann wird plötzlich verboten, dies auch nur weiter zu untersuchen! Auf der anderen Seite stehen ich und Lula. Und bei uns müssen sie sich auf den Kopf stellen, um überhaupt irgendwelche Gründe für Anschuldigungen zu finden.