Mit Poesie ist Afrika nicht geholfen – Seite 1

Willkommen in der Zukunft. Man stelle sich vor, ein Historiker würde sich eines Tages über all die Verlautbarungen und Initiativen beugen, mit denen Europa Afrika seine Hilfe zusichert. Er würde die Slogans auf Benefizkonzerten studieren. Und eine Exegese von Abschlusserklärungen betreiben. Zum Beispiel jene des fünften EU-Afrika-Gipfels, der soeben in Abidjan, Elfenbeinküste, zu Ende gegangen ist. Er würde auf viel Poesie stoßen – wie oft wurde nicht schon der Aufschwung, gute Regierungsführung, das Ende des Hungers beschworen? Und sich unweigerlich fragen: Wozu führte das Ganze?

Auch auf dieser Konferenz beschäftigte die Europäer vor allem ein Thema: die Migration aus Afrika einzudämmen. Alle Beteiligten verurteilten den Sklavenhandel in Libyen. Das Thema Migration ist nicht nur für europäische, sondern auch für afrikanische Politiker innenpolitisch heikel, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Als der senegalesische Präsident Macky Sall Deutschland besuchte und kurz darauf senegalesische Staatsbürger abgeschoben wurden, warf die heimische Presse dem Präsidenten vor, die eigenen Bürger zu verkaufen.

Ohnehin ist das afrikanische Interesse an einer Eindämmung der Migration sehr viel geringer als in Europa. Zum einen, weil die Rücküberweisungen der Migranten volkswirtschaftlich sehr wichtig sind – im Senegal sind sie größer als alle Einnahmen aus der Entwicklungshilfe. Zum anderen, weil afrikanische Bürger nun einmal die gleiche Reisefreiheit genießen wollen wie Europäer auch.

2,3 Billionen Dollar in fünf Jahrzehnten

Selten erschien den Europäern die Notwendigkeit, Wirtschaftswachstum in Afrika zu schaffen, so groß wie heute. Denn wer einen guten Job in Conakry, der Hauptstadt Guineas, finden kann, ist vielleicht weniger gewillt, nach Paris auszuwandern. Europa will das unterstützen, und das ist gut so. Geld fließt und noch mehr soll folgen. Bevor aber der nächste Plan ausgerufen wird, wäre eine nüchterne Bestandsaufnahme angebracht.

Allerdings: Woran es in afrikanischen Ländern in der Vergangenheit gerade nicht gefehlt hat, waren Utopien, Projekte und – auch wenn es überraschend klingen mag in einem armen Kontinent – Geld.

In fünf Jahrzehnten haben westliche Staaten afrikanischen Ländern mehr als 2,3 Billionen (2.300.000.000.000) US-Dollar Hilfe zukommen lassen. Ungezählte Initiativen haben großen Aufschwung, Durchbruch, Marshallplan und Ähnliches versprochen. Viele Hunderte Berater sind durch afrikanische Länder gereist und haben ihren Gesprächspartnern wahlweise sozialistische oder neoliberale Entwicklungsmodelle verschrieben – ohne dass der gewünschte Erfolg eingetreten wäre.

Wer will schon sein Scheitern eingestehen?

Was hat funktioniert und was nicht? Und warum ist das so? Es ist das Wesen der Arbeit internationaler Finanzinstitute und Entwicklungsorganisationen, dass ihre Langzeitfolgen selten umfassend untersucht werden. Der ausländische Experte kommt in ein Land, das ihm mehr oder weniger fremd ist, arbeitet dort ein paar Jahre, dann zieht er weiter.

Vielleicht war das Projekt erfolgreich, vielleicht nicht – doch wer würde schon gern sein Scheitern eingestehen? Und welcher unabhängige Beobachter würde das Ganze evaluieren? Ja, es gibt unabhängige wissenschaftliche Arbeiten – doch noch immer sind es zu wenige. Die Bestandsaufnahme allein den beteiligten Organisationen zu überlassen wäre naiv. Wie alle Organisationen haben sie Eigeninteressen.

So vollmundig Initiativen oft angekündigt werden, so leise werden sie bisweilen begraben. Man nehme zum Beispiel die Reformen, die der Internationale Währungsfonds (IWF) Guinea-Bissau verschrieb, einem kleinen Land an der afrikanischen Westküste. Einst verfügte es über eine diversifizierte Landwirtschaft. Dann empfahl der IWF dem Land in den 1980er Jahren, Cashewnüsse in Monokulturen anzubauen, um Auslandsschulden zu bedienen. Heute wird dort so gut wie alles importiert. Trotz der äußerst fischreichen Gewässer verfügt Guinea-Bissau heute über kein einziges großes Fischerboot.

Ist Wirtschaftsliberalisierung die Lösung?

Eine ähnliche Entwicklung hat es in den vergangenen 20 Jahren in vielen afrikanischen Ländern gegeben, es fand eine regelrechte Deindustrialisierung statt. Wo es früher noch eine Textil- oder Lebensmittelindustrie gab, konnte diese den Kräften des Weltmarktes nicht standhalten – vor allem der chinesischen Produktion.

Heute ist auf Afrikas Märkten fast alles importiert. Das ist ein großes Problem, wenn man Arbeitsplätze schaffen will. Auch in Afrika wandern Landwirte in Städte ab. Allerdings zieht es sie nicht in die Industrie, sondern in den informellen Sektor. Das große Geld machen oft ausländische Konzerne, die ihre satten Gewinne eben nicht in diese Länder zurück investieren.

Das wirft die Frage auf, ob die Wirtschaftsliberalisierung, die man auch den Afrikanern als Lösung aller Probleme verkaufte, wirklich ihre Versprechen hielt. Und wie man Handel zwischen Partnern gestalten könnte, die eben nicht ebenbürtig sind. Nigeria etwa, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, hat mit 405 Milliarden US-Dollar ein nicht sehr viel größeres Bruttosozialprodukt als Österreich mit 386 Milliarden.

Konkurrenz auf dem Weltmarkt ist heute härter

Es ist nicht ganz unkompliziert für ein Land, heute eine exportfähige Industrie aufzubauen. Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt ist sehr viel härter als noch vor 20 Jahren. Viele Länder buhlen mit günstigen Arbeitskräften um Investoren. Und keines von ihnen verfügt über die ökonomische Macht, mit der China einst Abmachungen in seinem Sinne gestalten konnte.

Die Lage ist also komplex. An dem wichtigsten Entwicklungshemmnis – unwilligen oder unfähigen Potentaten, denen die eigene Selbstbereicherung sehr viel mehr am Herzen liegt, als Arbeitsplätze für das Volk zu schaffen – kann Europa ohnehin nicht viel ändern. Kein Land kann von außen entwickelt werden. Wenn jemand dieser Illusion erliegt und in Berlin, Paris oder Washington einen Masterplan entwirft, der nichts mit den Realitäten des Landes zu tun hat, dem er helfen soll, führt das fast immer zu noch mehr Problemen.

Aber man kann zumindest versuchen, das Geld, das man ausgeben will, sinnvoll einzusetzen – und nicht mehr Schaden als Nutzen dabei anzurichten. Dass Entwicklungshilfe nämlich durchaus etwas bewirken kann, zeigt der Fall von M-Pesa, dem kenianischen Mobilfinanzdienst. Dieser erlaubt es, Geld über Mobiltelefone zu senden und ermöglicht damit all den vielen Bürgern eine Teilnahme am Wirtschaftsleben, die über kein Bankkonto verfügen. M-Pesa wurde mithilfe britischer Hilfsgelder entwickelt, es funktionierte, weil man die Bedürfnisse und Lösungsstrategien der dortigen Bevölkerung genau studiert hatte. Laut einer Studie konnten sich durch M-Pesa zwei Prozent aller kenianischen Haushalte aus extremer Armut befreien.