Für Entwicklungspolitik interessiert sich in Deutschland nur eine Minderheit, mit ihr gewinnt man keine Wahlen, die Leute wollen das Geld lieber im eigenen Land ausgeben: Die Vorstellung ist unter Politikern wie Journalisten weit verbreitet – und sie trifft nicht zu. Das legt zumindest eine soeben veröffentlichte repräsentative Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach nahe. Sie erscheint passend zum zweitägigen EU-Afrika-Gipfel, der heute in Abidjan beginnt, der ehemaligen Hauptstadt der Elfenbeinküste.

In Abidjan wird es unter anderem um die vermeintlich so unpopuläre Entwicklungspolitik gehen. Auch die Bundeskanzlerin reist zum Gipfel, auf dem die europäischen Regierungen mit der Afrikanischen Union über die künftige Zusammenarbeit beraten. Sie werden vor allem über Migration sprechen, über Bildung und Investitionen; denn auf dem afrikanischen Kontinent, dessen Bevölkerung mehr als überall sonst auf der Welt wächst, werden dringend Jobs für junge Leute gebraucht. Wie man sie am besten schaffen kann? Das ist heftig umstritten.

Interessieren diese Fragen die Deutschen überhaupt? Durchaus. Renate Köcher, die Geschäftsführerin von Allensbach, beobachtet seit etwa zwei Jahren eine "neue Offenheit" für Entwicklungspolitik, und das besonders mit Blick auf Afrika. Sie sagt, darin dokumentiere sich die Erfahrung der Deutschen mit Flucht und Migration seit dem Jahr 2015.

Ein Fünftel für mehr Entwicklungsgeld

Die aktuelle Studie ihres Instituts liefert dafür neue Belege. Ihr zufolge befürworten etwa drei Viertel der Deutschen Entwicklungshilfe grundsätzlich, ein Viertel sogar "sehr". Nur eine Minderheit von 14 Prozent lehnt Entwicklungshilfe grundsätzlich ab. Immerhin ein Fünftel der Befragten möchte sogar, dass die Ausgaben für die Zusammenarbeit mit armen Ländern erhöht werden.

Auftraggeber der Untersuchung ist die Global Perspectives Initiative, die unter anderem von der Bill-und-Meldina-Gates-Stiftung gefördert wird. Sie will einen Diskurs über Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit fördern, der die Kooperation mit Entwicklungsländern noch stärker aus dem traditionellen Helferklischee herausholt. Auch beim EU-Afrika-Gipfel bemühen sich die EU-Regierungen zumindest rhetorisch mehr als früher um den Austausch auf Augenhöhe. Zwar ist der Perspektivwechsel nicht ganz neu; lange schon sprechen Entwicklungspolitiker und -helfer von ihren "Partnern". Doch die Realität sieht oft anders aus.

Im öffentlichen Bewusstsein scheint es erst recht Nachholbedarf zu geben. Der Allensbach-Befragung zufolge ist der seit Jahrzehnten gängige Begriff "Entwicklungszusammenarbeit" nur 30 Prozent der Bundesbürger geläufig, und auch unter ihnen löst er eher unklare Assoziationen aus. Einige verbinden damit ganz traditionell Projekte mit der sogenannten Dritten Welt, andere Unternehmenskooperationen.

Das Bild von der eher einseitig orientierten Entwicklungshilfe hingegen hält sich hartnäckig. Darunter verstehen die meisten weiterhin eher traditionelle Aufgaben wie den Kampf gegen Krankheit, Hunger und Katastrophen. Sie prägen auch in hohem Maße ihre Vorstellung von Afrika. Der Aufbau funktionierender Verwaltungen hingegen, Kooperationen beim Klimaschutz oder die Förderung der Wirtschaft stehen hintan. 73 Prozent denken bei Entwicklungspolitik an "Mitgefühl". Sie wird, was ja nicht das Schlechteste ist, vor allem als moralische Verpflichtung gesehen.

Fluchtursachen bekämpfen

Allerdings dokumentiert sich der Wandel seit dem Jahr 2015 offenbar darin, dass mehr Menschen in der Unterstützung ärmerer Länder zugleich ein eigenes Interesse erkennen. So schreiben ihr 61 Prozent der Befragten auch das Ziel zu, "Probleme zu lösen, die uns sonst früher oder später einholen würden". 59 Prozent glauben zudem, dass Deutschland von erfolgreicher Entwicklungspolitik selbst profitieren würde. Beispielsweise dadurch, dass die Zahl der Flüchtlinge nach Europa sinkt, wenn sie weniger Gründe haben, ihre Heimatländer zu verlassen. Die Bereitschaft, die Mittel für Entwicklungsprojekte zu erhöhen, steigt mit der Erwartung, dass sie Fluchtursachen bekämpfen können.

In diese grundsätzliche Aufgeschlossenheit einer deutschen Mehrheit gegenüber der Entwicklungszusammenarbeit mischt sich aber zugleich Misstrauen in deren Wirksamkeit. Dass Projekte in armen Ländern die Verhältnisse dort kaum oder gar nicht verbessert hätten, meinen 61 Prozent der Befragten. Darunter ist immerhin ein Drittel davon überzeugt, dass man die Sache besser machen könnte. Das trauen sie am ehesten Kirchen zu (51 Prozent), den Vereinten Nationen oder Initiativen einzelner Personen (je 46 Prozent) und dann erst staatlichen Stellen. Die Wirtschaft steht mit 15 Prozent an letzter Stelle.

Ob solche Skepsis eher von Vorurteilen und Medienklischees oder von Informiertheit gespeist ist, darüber sagt die Studie wenig aus. Tatsächlich ist es vielerorts nicht gelungen, Korruption zu bekämpfen. Den vielen großen Versprechungen auf bisherigen EU-Afrika-Gipfeln folgten wenige Taten. Auch beim aktuellen Treffen kritisieren Experten, dass viele Vorhaben zu kurz gedacht seien. Können beispielsweise Investitionen in den Aufbau afrikanischer Unternehmen fruchten, wenn die Firmen zugleich von ungerechten Handelsbedingungen erdrückt werden? Gründe für ihr Misstrauen haben die Bürger also tatsächlich genug. Um sie zu überzeugen, sind nun die Regierungen gefordert.