Viele Frauen haben, solange sie verheiratet waren, nur geringfügig oder gar nicht gearbeitet. Dementsprechend schwierig ist es für sie, nach der Scheidung wieder oder im größeren Stundenumfang in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Es gibt zwei Gründe, warum sie weniger gearbeitet haben: die mangelhaften Kinderbetreuungsstrukturen für kleine, aber auch für Schulkinder, und das deutsche Steuersystem.
Das Steuersystem setzt vor allem verheirateten Frauen massive Anreize, nicht oder nur geringfügig zu arbeiten. Wegen des Ehegattensplittings, bei dem die Einkommen beider Ehepartner zusammen steuerlich veranlagt werden, müssen Frauen häufig schon ab dem ersten Euro ihres Verdiensts den maximalen marginalen Steuersatz ihres Ehepartners zahlen. So bleibt oft bei einem recht geringen, eigenen Einkommen nur wenig davon übrig. Hinzu kommt die Mitversicherung im Sozialsystem, die eine eigene berufliche Tätigkeit der mitversicherten Ehepartner noch weniger attraktiv macht.
Frauen zahlen doppelt so hohen Steuersatz
Frauen zahlen daher im Durchschnitt einen deutlich höheren Anteil ihres Einkommens an Steuern als Männer in der gleichen Einkommensgruppe. Gerade bei geringen und mittleren Einkommen von weniger als 40.000 Euro im Jahr zahlen Frauen im Durchschnitt einen doppelt so hohen Steuersatz als Männer. Dieser große Unterschied kommt dadurch zustande, dass in den meisten Fällen Ehemänner deutlich mehr verdienen als ihre Ehefrauen, sodass für diese die effektive Besteuerung im Durchschnitt deutlich höher ist als bei Männern, die durch das Splitting ihre eigene Steuerlast senken können.
Das Ehegattensplitting setzt also erhebliche negative Anreize für die Erwerbstätigkeit von Frauen in Deutschland. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass in keinem anderen Land außer Belgien dieser Steuereffekt größere negative Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit von Frauen hat. Dadurch entgehen der deutschen Wirtschaft im Durchschnitt 280 Arbeitsstunden pro Frau und pro Jahr, also fast ein Fünftel einer Vollzeitstelle, wenn man 1.500 Stunden im Jahr zugrunde legt.
Mancher Befürworter des Ehegattensplittings argumentiert, dass dieses System Familien und Kinder entlasten soll. In Wahrheit werden damit lediglich Hochzeiten subventioniert. Denn verheiratete Paare ohne Kinder profitieren von diesem Steuersystem, alleinerziehende Mütter oder Väter dagegen nicht. Geht es also wirklich um das Wohl von Kindern, dann muss die Bundesregierung das Ehegattensplitting abschaffen und durch etwas anderes ersetzen, wie beispielsweise ein Familiensplitting, das tatsächlich Kindern, vor allem in einkommensschwachen Familien, gezielt hilft.
Das Ehegattensplitting führt Frauen häufig in eine Falle, wenn die Ehe auseinandergeht und der Gesetzgeber sie zwingt, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Spätestens dann rächt sich nämlich die durch das Ehegattensplitting verursachte geringere Erwerbstätigkeit. Zulasten nicht nur der betroffenen Frauen, sondern in vielen Fällen auch der Kinder.
Das deutsche Steuersystem ist überholt und nicht für eine moderne Gesellschaft geeignet. Wenn der Staat Kinder und Familien fördern will, muss er das Ehegattensplitting abschaffen und durch ein modernes Steuern- und Abgabensystem ersetzen, das Frauen nicht länger hohe Hürden in den Weg hin zu mehr Freiheit und Eigenverantwortung legt.