Der Fachkräftemangel in den sogenannten Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) hat in Deutschland einen Rekordwert erreicht. Ende September 2017 seien insgesamt 469.300 Stellen offen gewesen, teilte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) bei der Vorstellung ihres Mint-Herbstreports mit. Das seien 71.300 Stellen oder 17,9 Prozent mehr gewesen als im Vorjahresmonat und so viele wie noch nie seit Beginn der IW-Aufzeichnungen 2011.

Die Arbeitslosigkeit in dem Bereich erreichte mit 183.002 Menschen hingegen einen neuen Tiefstand. Im September 2016 hatten noch rund 22.000 Menschen mehr in diesem Bereich nach Arbeit gesucht. Berücksichtigt man die unterschiedlichen Fachrichtungen und Qualifikationen der Fachkräfte fehlten der Wirtschaft im Mint-Bereich Ende September laut IW 290.900 Fachkräfte. Das waren 42 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Werde nicht gegengesteuert, habe das Folgen für den Standort Deutschland, teilte das Institut mit. Schon jetzt gehe durch den Engpass jährlich ein zweistelliger Milliardenbetrag an Wertschöpfung verloren. "Das Problem in Deutschland ist nicht, dass Kapital fehlt", sagte IW-Direktor Michael Hüther. "Man hat die Fachkräfte nicht." Besonders dringend würden die Unternehmen Informatiker suchen. "Wenn sie einen IT-Experten benötigen, kann man nur viel Glück wünschen."

Zuwanderer verhindern noch größeren Mangel

Ein Instrument, das Deutschland seit 2012 gegen die Entwicklung nutzt, ist die gezielte Abwerbung ausländischer Arbeitnehmer. Das habe seitdem zu einem überproportionalen Zuzug geführt und einen noch größeren Mangel verhindert, sagte IW-Direktor Hüther. "Ohne das hohe Beschäftigungswachstum unter Ausländern in den Mint-Berufen würden heute zusätzlich 118.100 Kräfte fehlen." Initiativen wie das Portal Make it in Germany, das seit 2012 gezielt um Mint-Akademiker wirbt, hätten ihre Wirkung entfaltet.

Im ersten Quartal 2017 waren allein in den akademischen Mint-Berufen gut 7.700 Inder beschäftigt – mehr als alle anderen Nationalitäten. Ihre Anzahl ist seit Beginn der Abwerbungsbemühungen 2012 um rund 106 Prozent gestiegen. Ende März 2017 waren in den akademischen Berufen der Mint-Branche außerdem etwa 6.900 Italiener, 6.700 Franzosen, 6.200 Spanier und 5.800 Chinesen beschäftigt.

Deutschland gewinne auch aus den Herkunftsstaaten vieler Flüchtlinge immer mehr Mint-Kräfte, teilte das IW mit. Waren 2012 erst 2.711 Menschen aus Eritrea, Irak, Afghanistan und Syrien in technischen Berufen beschäftigt, waren es im ersten Quartal 2017 schon mehr als 10.000. Über alle Mint-Berufe hinweg waren 8,4 Prozent der Stellen von Ausländern besetzt.

Mint-Fächer an deutschen Unis am beliebtesten

Um den Fachkräftemangel zu lösen, empfiehlt das IW mehr Lehrer für Mint-Fächer an Schulen, mehr IT-Ausbildungsplätze an Hochschulen und eine Stärkung der Zuwanderung. Wegen der Überschüsse im Staatshaushalt sei Geld dafür vorhanden. "Es haben noch nie Koalitionsverhandlungen unter günstigeren Bedingungen stattgefunden, was das Finanzielle angeht", sagte Hüther.

An den deutschen Universitäten sind die technisch-naturwissenschaftlichen Fächer schon jetzt die beliebtesten. Laut dem Bildungsbericht der OECD macht bereits heute mehr als ein Drittel der Hochschulabsolventen seinen Abschluss in den Studienfächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Das ist ein höherer Anteil als in allen anderen OECD-Ländern. Frauen sind mit 28 Prozent der Studienanfänger allerdings nach wie vor deutlich unterrepräsentiert.

Die IW-Studie entstand im Auftrag der Arbeitgeberverbände BDA und BDI sowie der Initiative MINT Zukunft schaffen.