"In der Schule sollte auch Vertragsrecht drankommen" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Sie haben im Alter von gerade einmal 17 Jahren ein Start-up gegründet. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Rubin Lind: Ich hatte eine Matheklausur verhauen und mich darüber sehr geärgert. Denn ich hatte an den Themen vorbeigelernt, die dann drankamen. Also habe ich recherchiert, ob es nicht schon eine gute Lern-App gibt. Die gab es aber nicht. Lernvideos auf YouTube hatte ich zwar schon genutzt, aber ich wollte gerne wissen, was ich an Inhalten schon verstanden habe und was ich noch vertiefen muss. Und so habe ich angefangen, selbst ein Konzept für die App zu schreiben. Ich werde übrigens oft gefragt, woher ich das konnte. Das habe ich mir selbst beigebracht, das habe ich nicht in der Schule gelernt.

ZEIT ONLINE: Was genau macht Ihre App Skills4School?

Lind: Sie soll es Schülern ermöglichen, sich passend zum Unterricht und zum Lehrbuch vorzubereiten. Im Profil kann ich sehen, was ich schon gelernt habe, was ich noch machen muss und wo ich mich noch verbessern kann. Ich lerne also die Themen, die mir noch nicht so gut liegen. Und ich bekomme einen Überblick, wie gut ich vorbereitet bin. Bisher richtet sich die App an die Klassenstufen 8 bis 13 für die Fächer Mathematik und Biologie.

ZEIT ONLINE: Woher kommen denn die Inhalte?

Lind: Wir arbeiten mit Schulbuchverlagen zusammen. Und unser Angebot richtet sich auch an Lehrer. Sie können die  Anforderungen für ihre Klasse oder ihren Kurs aus den vorhandenen Inhalten der Verlage festlegen. Außerdem können sie Fragen hinzufügen. Macht der Lehrer aber nicht mit, können die Schüler die Themen selbst festlegen. 

ZEIT ONLINE: Verdienen Sie schon Geld mit Ihrer Firma?

Lind: Die App geht erst Anfang 2018 online, wir stecken momentan noch viel Geld in die Entwicklung. Im nächsten Jahr kann sie von Schülern zunächst kostenlos getestet werden. Später können sie Lerneinheiten im monatlichen Abo erwerben. Die Preise variieren dabei für komplette Lernpakete und einzelne Themen.

ZEIT ONLINE: Woher kam der Gründergeist?

Lind: Da sind mehrere Faktoren aufeinander getroffen. Zum einen hatten wir in der Schule eine Schülergenossenschaft. Ich durfte sie als Vorstandsvorsitzender vertreten, wir erzielten reale Umsätze und hatten Generalversammlungen.

Dann hatten wir ein Schnupper-BWL-Studium in der Schule, das uns auch noch mal gezeigt hat, was in der Wirtschaft alles möglich ist. Das alles hat mich begeistert und motiviert. Ich habe nicht mit drei Jahren gesagt: Ich will Unternehmer werden. Es war eher eine Art Prozess.

"Ein Start-up gründen können sich viele Schüler nicht vorstellen"

ZEIT ONLINE: Wer hat Ihnen geholfen und Sie beraten?

Lind: Ich habe mit meiner Idee an Wettbewerben für Schüler teilgenommen, die Unternehmertum fördern, und das hat mich wirklich weitergebracht. Egal, ob die Founders Academy, der Startup Teens Award oder der Gründerslam – ich konnte überall viel mitnehmen. Über die Wettbewerbe habe ich mir in kurzer Zeit ein großes Netzwerk aufgebaut. So konnte ich von echten, erfahrenen Unternehmern lernen und Mitstreiter finden. Das hat mich motiviert, nach der Schule dranzubleiben. Heute sind wir zu viert im Team und haben noch acht weitere Leute, die daran arbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie haben Ihre Mitschüler und Freunde reagiert?

Lind: Zunächst waren sie natürlich skeptisch, wie so oft, wenn neue Ideen entstehen. Mit der Zeit konnte ich zeigen, dass ich nicht nur etwas erzähle. Ich hab ihnen die App zum Ausprobieren gegeben. Das war auch gut für mich, denn so habe ich Feedback bekommen.

ZEIT ONLINE: Mal eine eigene Firma zu gründen – kommt das anderen Gleichaltrigen auch in den Sinn?

Lind: Es gibt schon ein paar gleichaltrige Firmengründer in Deutschland. Einige davon kenne ich persönlich. Aber ich würde sagen, es sind nicht mehr als acht Jugendliche in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle hat dabei der Wirtschaftsunterricht in der Schule gespielt? Wie haben Sie diesen erlebt?

Lind: Ich hatte in der Schule einen Leistungskurs in Sozialwissenschaften, das war im weitesten Sinn auch Wirtschaftsunterricht. Und somit habe ich schon früh einen guten Einblick in die Wirtschaft und das europäische System bekommen. Das hat mir auch geholfen, die Abläufe besser zu verstehen. Aber bei den ganz konkreten Fragen, mit denen man es als Gründer zu tun hat – zum Beispiel Fragen des Vertragsrechts – hat mich der Schulunterricht nicht weitergebracht. Da würde ich mir noch mehr Wissensvermittlung wünschen.

ZEIT ONLINE: Wirtschaftsplanspiele, Schülerfirmen, Wirtschaftspraktikum – sind das aus Ihrer Sicht die geeigneten Mittel, damit Jugendliche sich mit dem Thema Gründen und Unternehmertum auseinandersetzen?

Lind: Ja, mir selbst hat das sehr weitergeholfen. Ich denke, jede Schule sollte eine Schülerfirma haben und Wirtschaftsplanspiele machen. Jugendliche können sich erst im konkreten Erleben etwas unter Wirtschaft vorstellen.

ZEIT ONLINE: Was könnte oder sollte Schule noch leisten, um Schülern mehr Verständnis von Wirtschaft zu vermitteln?

Lind: Das ist natürlich in jedem Bundesland etwas anders. Aber ich denke, wir bekommen an unseren Schulen schon eine sehr gute und breitgefächerte Bildung, jedoch wird kaum praktisches Wissen für den Alltag vermittelt. Im Moment können die Lehrer selbst entscheiden, ob sie solche konkreten Fragen – gerade wenn es um ganz konkrete Fragen wie die Steuererklärung, Verträge oder Finanzierung geht – im Unterricht thematisieren oder nicht. Wenn man mehr Gründergeist fördern möchte, sollte das aber Teil des Lehrplans sein.