Es lohnt sich zum Jahresende, einige Absurditäten der vergangenen Monate in Erinnerung zu rufen. Das Chaos um Großbritanniens Austritt aus der EU begann mit einer grandiosen Fehleinschätzung gleich zu Beginn des Jahres. Ohnehin war es leichtsinnig von Premierministerin Theresa May, den Anfang für den Austrittsprozess schon auf den 29. März festzulegen. Statt dann aber gleich mit den Verhandlungen loszulegen, ließ sich May auch noch hinreißen, ohne Not eine Neuwahl einzuleiten. Mit schwerwiegenden Folgen.

18 Monate sind vergangen, seit die Briten den Exit aus der EU wählten. Seitdem gleicht die britische Politik einer Irrfahrt auf dem Ärmelkanal zwischen Europa und England. Sicherer Hafen? Nicht in Sicht. Das beunruhigt inzwischen auch die eigenen Bürger. Seit diesem Herbst wächst eine noch zaghafte Mehrheit, die den Austritt ihres Landes aus der EU für einen Fehler hält. Schließlich wird 2018 das Jahr der Entscheidung: Wenn der Vertrag über die künftige Beziehung zwischen der EU und Großbritannien gelingen soll, dann muss er im nächsten Jahr zustande kommen. Das wird schwierig. Die Minister in Theresa Mays Kabinett haben bis heute nicht nur einander widersprechende Vorstellungen davon, wie dieser Vertrag aussehen soll. Oft stehen ihre Vorstellungen auch im Widerspruch zur Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit scheint für May selbst auch nur schwer berechenbar, wie ihre Entscheidung für die Neuwahl zeigte. Zu verlockend war für sie offenbar der gigantische Vorsprung, den Umfragen Anfang des Jahres verhießen. Die Rechnung aber ging nicht auf. Theresa May führte einen erstaunlich miserablen Wahlkampf, ihre Berater empfahlen ihr ein fatales Wahlprogramm. Ihr roboterhaft wiederholter Slogan "stark und standhaft" ("strong and stable") machte May am Ende zur Witzfigur. Anstatt wie erhofft 200 Sitze dazuzugewinnen, verlor sie am 8. Juni 13 Abgeordnete und damit ihre knappe Mehrheit. Um weiterregieren zu können, kaufte sie für eine Milliarde Pfund die Unterstützung der reaktionären nordirischen Democratic Unionist Party – die Gefahr für das labile politische Gleichgewicht in Nordirland geflissentlich ignorierend.

Brexit-Minister ein Leichtgewicht

Derweil läuft in Brüssel die Zeit. Als am 18. Juli die erste Verhandlungsrunde endlich begann, zog Brexit-Minister David Davis den Spott auf sich, weil er sich am Verhandlungstisch ohne jede Spur von vorbereiteten Arbeitspapieren ablichten ließ – sein Gegenüber Michel Barnier dagegen saß hinter einem dicken Aktenstapel. Das Foto mag irreführend gewesen sein, aber es verriet eine tiefere Wahrheit: Der Brexit-Minister entpuppte sich als Leichtgewicht.

David Davis, immerhin der führende Minister im Unternehmen Brexit, hat sich seitdem als so vielfach inkompetent erwiesen, dass ein politischer Kommentator der Times ihn kurzerhand zum "Aktionskunst-Happening" erklärte, dessen reale Existenz infrage gestellt werden müsse. Davis fiel vor allem durch Prahlereien auf. Ein Parteigenosse beschrieb ihn als den einzigen Mann, der im Sitzen einherstolzieren könne. Im Handumdrehen, schwadronierte Davis zum Beispiel einen Monat nach dem Referendum, ließen sich Handelsverträge mit der ganzen Welt abschließen. Es zeigte sich schnell, dass die Realität anders aussieht. Kritikern, die sagten, er habe keine Ahnung, was der Brexit für die Wirtschaft des Landes bedeute, entgegnete Davis großspurig, sein Ministerium habe weit über fünfzig detaillierte Studien dazu erarbeitet. Als die Opposition auf Herausgabe der Untersuchungen drängte und der zuständige Parlamentsausschuss genauer nachfragte, erklärte der Minister, es sei nicht so, dass die Studien im eigentlichen Sinne existierten. Kurz vor Weihnachten reichte er dann doch noch ein Konvolut nach: Seine Mitarbeiter hatten es offenkundig in aller Eile aus Wikipedia-Artikeln zusammenhauen müssen.

Solch absurdes Theater wird von einer geschwächten Premierministerin geduldet, die Mühe hat, ihr Kabinett zusammenzuhalten. In den letzten zwei Monaten des Jahres verlor May gleich drei Minister – in so kurzer Zeit hat das kein Premier vor ihr geschafft.

Als Anführer der Unruhestifter im Kabinett kann sicher Außenminister Boris Johnson angesehen werden, der die Premierministerin mit öffentlichem Widerspruch mehrfach blamierte und es wenig versteckt auf ihren Job abgesehen hat. Er aber bleibt unantastbar im Amt. Ebenso konnte Brexit-Stümper David Davis ungestraft den ersten Verhandlungsfortschritt infrage stellen, der Theresa May (nicht Davis!) Anfang Dezember gelang: Der mühsam gefundene Kompromiss über Zahlungen an die EU, Staatsbürgerrechte und die nordirische Grenze, gerade eben ausreichend, um im neuen Jahr den zweiten Teil der Verhandlungen zu beginnen, sei nichts als eine unverbindliche Absichtserklärung, philosophierte der Minister, der bei den entscheidenden Verhandlungen offenbar außen vor gelassen worden war. Zwei Tage später musste er sich kleinlaut korrigieren: Doch, Großbritannien bliebe vertrauenswürdig und stünde zu seinem Wort. Davis' Position als Chefunterhändler wagte die düpierte Premierministerin dennoch nicht infrage zu stellen.