Bei einem sind sich fast alle einig: So richtig gut geht es dem Gesundheitssystem derzeit nicht. Ob aber ausgerechnet die Bürgerversicherung das beste Rezept dagegen wäre, darüber ist ein erbitterter Streit entbrannt. Ein Streit zwischen Union und SPD, der in die Sondierungsgespräche eingehen wird. Die SPD will die Bürgerversicherung unbedingt und die CDU lehnt sie genauso kategorisch ab.

Auf den ersten Blick ist das nicht mehr als das übliche Gerangel zwischen einer marktliberaleren und einer sozialeren Partei. Das Hauptargument der einen lautet "mehr Wettbewerb", während die andere nach "mehr Gerechtigkeit" ruft. Erst bei genauem Hinschauen wird klar, woran die Diskussion krankt.

Die Verfechter der Bürgerversicherung bringen es so auf den Punkt: Schafft Deutschland endlich das Nebeneinander von gesetzlichen Krankenkassen und privaten Kassen ab, wäre das Gesundheitssystem für alle Bürger viel gerechter. Denn dann würde nicht ein Heer von Normalverdienern ins gesetzliche System einzahlen und unter steigenden Zusatzbeiträgen durch Leistungskürzungen leiden. Während ein paar Besserverdiener sich lieber bei Privatkassen versichern und bessere Leistungen erhalten, weil sie die vermeintlich besseren Risiken sind.

Schon jetzt empfindet ein Großteil der Bevölkerung das als "Zweiklassenmedizin". Und tatsächlich stimmen zwei Drittel aller Bundesbürger laut aktuellen Umfragen zu: Die Bürgerversicherung wäre eine gute Sache.

Damit irren sie allerdings gewaltig, entgegnen die Kritiker des Einheitskonzepts: Gäbe es keine Wahlmöglichkeit mehr zwischen Gesetzlichen und Privaten, käme der Wettbewerb im Gesundheitssektor völlig zum Erliegen. Dann würde die Versorgung schlechter für alle: Für die Privatversicherten, weil sie sich mit staatlicher Grundversorgung zufriedengeben müssten. Und für alle anderen ebenfalls, weil die Privatversicherten dann nicht mehr das öffentliche System quersubventionierten wie bisher, indem sie bei Ärzten mit hohen Entgelten die oftmals nicht kostendeckende Versorgung von gesetzlich Versicherten möglich machten.

Erkranken Besserverdiener seltener?

Privatversicherte trügen nach dieser Argumentation überproportional zu den Gesamteinnahmen des Systems bei. Viele Facharztpraxen könnten nur deshalb teure Geräte anschaffen – die letztlich der Allgemeinheit zugutekommen – weil sie diese über die höheren Einnahmen von Privatkassen finanzieren. Zudem seien Zigtausende Arbeitsplätze in Gefahr. Ganz zu schweigen von der Vertragsfreiheit der Bürger.

Man kann nun sehr grundsätzlich entscheiden – entweder für mehr Markt oder mehr Gerechtigkeit. Oder viele der Argumente bis ins Detail zerlegen: wie verfassungswidrig die Einheitsversicherung wäre, weil sie die Wahlfreiheit beschränkte. Ob heute tatsächlich ein Wettbewerb zwischen den Krankenkassen stattfindet. Zumindest findet um die Bestandskunden keiner statt, denn nicht einmal zwischen den privaten Kassen können Versicherte wirklich wechseln, weil sie sonst ihre Altersrückstellungen verlieren. Oder ob Besserverdiener später tatsächlich seltener oder wenigstens "billiger" erkranken als andere.

Viel spannender ist allerdings sich anzusehen, um wessen Interessen es hier eigentlich geht: Es gibt hierzulande rund 81 Millionen Krankenversicherte, 72 Millionen davon, knapp 90 Prozent sind gesetzlich Versicherte. Nur elf Prozent dagegen privat. Warum haben sich bisher nicht mehr Menschen privat versichert? In den allermeisten Fällen: weil sie es sich nicht leisten können. Um als Angestellter in die Privatkasse zu kommen, muss man über 4.800 Euro monatlich verdienen, 57.600 Euro Jahresbrutto (ab 2018 sind es 4.950 Euro). So viel verdienen die wenigsten Bundesbürger, das durchschnittliche Haushaltsbrutto aus Erwerbstätigkeit liegt hierzulande bei 2.600 Euro – und da sind mitverdienende Partner mit eingerechnet.