Die Einkommensungleichheit in Deutschland ist heute so hoch wie vor 100 Jahren, und höher als jemals sonst in der Nachkriegszeit. Das ist eines der Resultate des World Inequality Reports, einer neuen Studie zur globalen Ungleichheit von 100 internationalen Forschern unter Leitung des französischen Ökonomen Thomas Piketty, an der auch das DIW Berlin beteiligt war. Die Ergebnisse zeigen, dass die Politik dringend umdenken muss, um die Ungleichheit auf ein gesundes Maß zu beschränken und dadurch die Teilhabemöglichkeiten aller Bürgerinnen und Bürger zu verbessern.

Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Zwar hat die Ungleichheit zwischen den Staaten abgenommen. Schwellenländer wie China holten auf und verringerten so den Abstand zu den reichen Ländern in Europa und Nordamerika. Aber innerhalb der Gesellschaften ist die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen seit den 1960er Jahren fast überall massiv gewachsen. Seitdem sind die Einkommen der unteren Hälfte im Vergleich zur oberen Hälfte gesunken, statt zu steigen.

So ist es auch in Deutschland. Der Anteil der Markteinkommen der unteren 50 Prozent, also der Hälfte mit den geringsten Einkommen, hat sich gegenüber der besser verdienenden Hälfte der Bevölkerung seit den 1960er Jahren fast halbiert: von über 30 Prozent auf heute 17 Prozent des gesamten Einkommens in Deutschland. Die oberen zehn Prozent dagegen haben ihren Anteil auf 40 Prozent erhöhen können.

Die Studie nennt verschiedene Gründe für die starke Zunahme der Ungleichheit in fast allen Ländern. Eine Erklärung liegt in der Privatisierung öffentlicher Vermögen, wie Immobilien, Land und staatlicher Unternehmen. Zwar ist eine solche Privatisierung per se nicht schlecht, da private Unternehmen häufig besser und effizienter wirtschaften und innovativer sind als eine staatliche Planwirtschaft. Aber nach einer Privatisierung ist meistens nicht sichergestellt, dass die öffentliche Hand, und damit die Bürgerinnen und Bürger, eine Teilhabe am Erfolg der privaten Unternehmen haben.

Auch der technologische Wandel spielte in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine große Rolle. Denn Menschen mit guter Qualifikation und Netzwerken konnten diesen Wandel in einer immer globaleren Welt mit einem zunehmenden Welthandel eher für sich nutzen als die schlechter Qualifizierten und Vernetzten.

Leugner in Deutschland

In fast allen Ländern werden diese Fakten zur Ungleichheit akzeptiert. In Deutschland leugnen hingegen einige, unter anderem auch der Sachverständigenrat, die Zunahme der Einkommensungleichheit. Einer der Einwände ist, seit 2005 sei die Einkommensungleichheit in Deutschland stabil geblieben und nicht weiter gestiegen. Das ist faktisch zwar nicht falsch, aber wenig aussagekräftig und eine höchst selektive Sichtweise, da 2005 ein Krisenjahr für Deutschland war mit einer Rekordarbeitslosigkeit von über fünf Millionen Arbeitslosen. Es als Bezugspunkt zu wählen, verzerrt die Sichtweise. Am langfristigen Trend der steigenden Einkommensungleichheit ändert die Einbeziehung dieses Krisenjahres jedoch nichts.

Ein zweiter Einwand ist, dass diese Studie die Markteinkommen und nicht die verfügbaren Einkommen, also inklusive Steuern und Transferleistungen, betrachtet. Fakt ist aber, dass sogar die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat, obwohl der deutsche Staat über die Jahrzehnte einen immer höheren Anteil der Wirtschaftsleistung für Transferleistungen der Sozialsysteme aufbringt.

In anderen Worten: Obwohl der Staat versucht, die Ungleichheit der Einkommen durch Steuern und Transfers zu reduzieren, gelingt ihm dies dauerhaft nicht. Gerade deshalb ist es so wichtig, nicht nur die verfügbaren Einkommen zu analysieren, sondern die Ungleichheit der Markteinkommen, wie es der World Inequality Report gemacht hat. Die Ungleichheit der Markteinkommen ist ein Maß für die Chancengleichheit, wohingegen die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen eher ein Maß für die Größe des Sozialstaats ist.