Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Angst vor arbeitsplatzvernichtenden Robotern und der Unterstützung rechtspopulistischer Parteien? Das ist eine Frage, die Intellektuelle im angloamerikanischen Raum zurzeit diskutieren. Die mal mehr, mal weniger laut ausgesprochene These lautet, dass viele Leute, die sich für Hassreden gegen Mexikaner, Frauen oder Muslime begeistern lassen, womöglich in Wirklichkeit Kollege Roboter meinen. Man muss diese Deutung der Bedrohung durch einen digitalen Kapitalismus der autonomen Systeme, der alle Lebensbereiche durchdringt und der nur absolute Gewinner und radikale Verlierer kennt, ernst nehmen. Denn tatsächlich stellt die heilige Dreifaltigkeit der Digitalisierung – Roboter, Plattformen und Risikokapital – Arbeitsgesellschaften wie die deutsche vor enorme Herausforderungen.

Gigantische Investitionen

Die neuen Robotergenerationen, die nun in den Fabriken Einzug halten, sind dabei allerdings das kleinere Problem. Ungleich größere Risiken lauern in den gigantischen Investitionen, die die digitale Ökonomie seit Jahren magnetisch anzieht, hortet und verbrennt.

Nirgendwo zeigen sich die Renditehoffnungen, die Investoren mit Digitalunternehmen verbinden, deutlicher als in den Marktbewertungen der Leitunternehmen des kommerziellen Internets: Google/Alphabet schafft es auf 580 Milliarden Dollar, Apple auf sogar 752 Milliarden Dollar, Facebook auf 407 Milliarden Dollar sowie Amazon auf 427 Milliarden Dollar. Zusammengenommen sind diese vier Unternehmen mehr als doppelt so wertvoll wie alle DAX-30-Konzerne zusammen. Die Börsenkurse der vier Giganten kennen seit Jahren nur eine Richtung: steil nach oben.

Dabei haben die vier Unternehmen enorme Kapitalreserven angehäuft. Legendär, weil politisch umkämpft sind die 257 Milliarden Dollar Cash-Reserven von Apple. Auch Google/Alphabet hat rund 92 Milliarden Dollar angehäuft und ist durch diverse, kostspielige Akquisitionen – allein für HTC legte der Konzern in diesem Jahr 1,1 Milliarden Dollar auf den Tisch – zwischenzeitlich unter anderem zum größten Robotikunternehmen der Welt aufgestiegen. Einige Zeit später sind die Hoffnungen, die die Robotikbranche mit diesem Engagement anfangs verband, verpufft. Google hat Talente und Patente weggekauft, mit denen seither aber kaum etwas zu passieren scheint. Dies ist nur ein Beispiel für systematische Aquisitionsstrategien der großen Vier, die mit ihren prall gefüllten Kassen alles wegkaufen, was ihnen einmal gefährlich werden könnte. Echte Marktkonkurrenz, die neue Innovationen hervorbringen soll, wird hierdurch systematisch gehemmt.

Berlin ist die Hauptstadt des Risikokapitals

Die Tech-Giganten sind freilich nur die Speerspitze einer sehr grundlegend durch die Renditeorientierung von Risikokapital strukturierten Branche, die neuerdings wieder Rekorde bricht: In den USA hat 2015 das Volumen an investiertem Risikokapital den höchsten Stand seit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 erreicht. 2017 wurden rund 70 Milliarden Dollar Risikokapital an Start-ups ausgezahlt. Der Trend ist keineswegs auf die USA beschränkt. China ist derzeit der zweitwichtigste Markt für Risikokapitalinvestitionen. Doch auch Deutschland spielt mit: Trotz der hierzulande regelmäßig zu vernehmenden Klagen über zu wenig Risikokapital hat Berlin im Jahr 2015 London als Europas Hauptstadt des Risikokapitals abgelöst.

Wer hierin kein Problem vermutet, der verkennt die Arithmetik des Risikos: Da niemand immer gewinnen kann, müssen erfolgreiche Investitionen die oft hohen Verluste anderer Zukunftswetten mindestens ausgleichen. Firmen werden in der digitalen Ökonomie daher nicht selten gegründet, um zu Spekulationspreisen verkauft zu werden. Die logische Folge ist zum einen, dass die finanzstärksten Unternehmen die größten Chancen haben, durch Firmenkäufe vielversprechende Innovationen früh abzuschöpfen, da nur sie sich die aufgerufenen Mondpreise leisten können. Zum anderen prämiert das Risikokapital den Hype, wenn es findigen Unternehmern gelingt, den möglichen Wert ihrer Firmen in ein goldenes Licht zu tauchen.