Wie die Dotcom-Blase

Der Bitcoin-Hype überfordert inzwischen sogar Coinbase. Die amerikanische Bitcoin-Börse schaffte es nach den jüngsten Kursrekorden der Kryptowährung zwischenzeitlich sogar auf Platz eins der beliebtesten iPhone-Apps in den USA. Auf den Ansturm war die Handelsplattform nicht vorbereitet, zeitweise brachen die Systeme des Coin-Brokers zusammen.            

Die Entwicklung der Bitcoin-Kurse macht sogar Veteranen an der Wall Street ratlos. "Blase oder Bonanza?", fragt der Börsensender CNBC angesichts der Kursachterbahn, ohne eine rechte Antwort geben zu können. Zum Jahresanfang war ein Bitcoin noch 968 Dollar wert. Am Montag vergangener Woche lag der Kurs bei knapp unter 11.000, am Ende der Woche bei 16.000, am Anfang der Woche bei rund 17.000 Dollar. Fast irrwitzig sind die Kursschwankungen an einem Tag.

Bitcoin ist die prominenteste und populärste der Internetwährungen und zurzeit mit 270 Milliarden Dollar bewertet, so CoinMarketCap, eine Internetseite, die Daten zu den Kryptowährungen sammelt. Fast wöchentlich kommen neue Währungen dazu. In sogenannten Initial Coin Offering (ICO) sammeln Initiatoren Geld von Anlegern ein, die dafür Einheiten der neuen Währungen erhalten – in der Hoffnung, dass sie von künftigen Kurssteigerungen profitieren. Manche beteiligen sich über ihre ICO auch an einem Start-up. Mehr als 1.000 solcher Internetwährungen gibt es inzwischen. Ein Dutzend davon bewerten Investoren bereits mit mehr als einer Milliarde Dollar.

Welche Kryptowährung setzt sich durch?

Solche Entwicklungen wecken Erinnerungen an die Dotcom-Blase und die Neunzigerjahre. Die Technologie und die Idee der Kryptowährungen werden sich etablieren. So wie damals, als das Internet und der neue E-Commerce der Welt die heutigen Tech-Giganten Amazon, Facebook und Google beschert haben. Aber nicht alle Krypto-Start-ups werden überleben. Ähnlich erging es früher AOL und Yahoo. Vielen dachten, sie würden sich als Schwergewichte der Branche durchsetzen. Heute gibt es die beiden Unternehmen zwar noch, aber sie mischen nicht mehr vorne mit.    

Was auch immer mit den Kryptowährungen passiert, eines steht schon fest: Anleger müssen mit hohen Verlusten rechnen. So erging es etwa den Investoren von Pets.com, die Tierbedarf online verkauften. Das Start-up ging nach nur 24 Monaten im Jahr 2000 spektakulär pleite. Sein Maskottchen, eine Hunde-Handpuppe, wurde zum Symbol für die Übertreibungen. Es war eine Zeit, in der Unternehmer scheinbar nur Tage brauchten, um aus Skizzen auf Papierservietten Internetunternehmen zu gründen, die ihren Investoren Hunderte Millionen Dollar an der Börse bescherten.  

Ähnlich überhitzt sind heute die Kurse digitaler Währungen. Und so mag Bitcoin zwar heute die beliebteste Kryptowährung sein. Niemand kann jedoch sagen, ob es so bleibt oder ob sich eine andere durchsetzt und Bitcoin das Myspace der Kryptowährungen wird. Myspace ist ein soziales Netz, für das der Medienkonzern News Corp. im Jahr 2005 beeindruckende 560 Millionen Dollar bezahlte. Noch 2006 gehörte es zu den meistbesuchtesten Internetseiten – heute steht es dagegen auf Rang 3.178.     

Ein weiteres Risiko für Anleger sind ausgerechnet die Aufseher. Die US-Börsenaufsicht SEC warnte am Montag ungewohnt deutlich vor Betrug und Marktmanipulationen. Kurz vorher stoppte sie den ICO des kalifornischen Unternehmens Munchee, weil es sich nach ihrer Einschätzung bei  dessen neuer Währung de facto um den Verkauf von Wertpapieren handele, die hätten registriert werden müssen. Vergangene Woche traf es den ICO von PlexCoin, bei dem es sich nach Ansicht der Aufseher um Betrug handele. Der Initiator, ein Kanadier, war den Behörden bereits bestens von früheren Abzockereien bekannt. Damit nicht genug, hat das FBI davor gewarnt, dass Bitcoin als Geldwaschanlage missbraucht werde. Das alles spricht dafür, dass es bald Regeln für den Wilden Westen der Kryptos geben wird. Und das kann die Bewertungen schnell durcheinanderwirbeln.

Virtuelle Alternative zu Gold

Rudi von Abele von der Anlagefirma Guild Investment Management in Los Angeles führt die aktuelle Begeisterung für Bitcoin nicht zuletzt darauf zurück, dass sie einen neuen Vermögenswert darstellen. "Fear of missing out – die Angst, etwas zu verpassen, ist sicher die Motivation vieler Anleger", sagt er. Er glaubt dennoch, dass die Kryptowährungen mehr sind als eine Modeerscheinung. Noch gäbe es einige Kinderkrankheiten zu überwinden, etwa die Reputation der Börsen, über welche die Währungen gehandelt werden. Die Transaktionen seien zudem sehr langsam und umständlich. Von Abele sieht Bitcoin deswegen weniger als Zahlungsmittel im Alltag, sondern eher als eine virtuelle Alternative zu Gold. "Man geht ja auch nicht mit Nuggets einkaufen."

Bitcoin als Quelle stetiger Einnahmen

Bitcoin sei sogar sicherer als Gold, meint Ronnie Moas. Denn anders als bei Gold, von dem niemand genau wisse, wie viel es davon auf der Erde gebe, gebe es eine Obergrenze der Bitcoins, die im Computercode festgelegt wurde: Demnach kann es nie mehr als 21 Millionen Bitcoins geben.

Moas gehört zu den prominentesten Fans der Kryptowährungen an der Wall Street. Der Gründer von Standpoint Research, einer unabhängigen Investmentberatung, sagt einen Bitcoin-Preis von 28.000 Dollar für kommendes Jahr voraus. Und das sei erst der Anfang. Seine Begründung: Weltweit seien rund 200 Billionen US-Dollar in Aktien, Anleihen, Gold und Bargeld investiert. "Wenn nur zwei Prozent davon in Kryptowährungen wandern, entspricht das vier Billionen Dollar." Bisher erreicht der kombinierte Wert der virtuellen Währungen Hunderte Milliarden Dollar. Skeptiker, die den Hype um die virtuellen Währungen mit der niederländischen Tulpenspekulation im 17. Jahrhundert vergleichen, würden sich wegen "Ahnungslosigkeit" blamieren. "Das sind Leute, die sich damit entweder keine fünf Minuten beschäftigt haben oder eigene Interessen verfolgen." Wie etwa Jamie Dimon, Chef der US-Großbank JPMorgan Chase, der gerne öffentlich über Bitcoin lästert und Investment in die digitale Währung "dumm" und einen "Betrug" nennt.

Aber auch Krypto-Fan Moas räumt ein, dass nicht alle der Kryptowährungen überleben werden. Abzuwarten hält er dennoch für falsch. "Was wäre schmerzhafter: Ein paar Tausend Dollar jetzt einzubüßen oder später festzustellen, dass man fünf bis zehn Jahre früher hätte in Rente gehen können?"

Erste Terminkontrakte auf Bitcoin

Den jüngsten Anstieg der Bitcoin-Kurse erklären sich Wall-Street-Profis aber auch mit dem Einstieg von institutionellen Anlegern. Bislang investierten Vermögensverwalter das Geld ihrer Kunden nicht in Kryptowährungen, weil sie keine Möglichkeit hatten, sich gegen Kursschwankungen abzusichern. Das ändert sich nun. Gleich zwei Chicagoer Terminbörsen – CBOE und CME – starten in diesem Monat einen Terminkontrakt auf Bitcoin. Am Sonntagabend hatte der erste Bitcoin-Terminkontrakt sein Debüt an der CBOE und trieb die Bitcoin-Kurse hoch. Auch die Techbörse Nasdaq will ein solches Finanzinstrument auflegen. "Das öffnet den Markt für die Großinvestoren", sagt von Abele. Und dürfte den Kurs noch einmal antreiben, so die Rechnung vieler Anleger. Genauso wie die jüngsten Spekulationen, dass es sogar bald börslich gehandelte Fonds (ETF) auf Bitcoins geben könnte.

Für James McGowan sind Bitcoin die Quelle stetiger Einnahmen. McGowan ist ein sogenannter Miner, jemand, der Bitcoin-Transaktionen über seine Computer laufen lässt und sie damit selbst erzeugt. Erst vergangene Woche kaufte er sich mit seinen selbst erwirtschafteten Bitcoin einen neuen Laptop im Wert von 1.000 Dollar. Die Computer im Dauerbetrieb treiben jedoch die Stromrechnung nach oben. McGowan, der im Bundesstaat New Mexico wohnt, will deshalb bald Solarpanele aufs Dach montieren. 

In einer schlechten Woche generiere seine Anlage 250 bis 300 Dollar, in einer guten Woche bis zu 600 Dollar. Ein wenig erinnere ihn seine Bitcoin-Gewinnung an einen landwirtschaftlichen Betrieb. "Die Computer zu warten und die Bitcoin zu erstellen, ist wie Kühe versorgen und melken." Angesichts des Bitcoin-Kursanstiegs ist er versucht, in den Handel einzusteigen – trotz des Risikos. Er weiß auch schon, was er mit seinen potenziellen Gewinnen machen will: seine Studentenkredite abbezahlen.